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Wohnungsnot

Mietpreis-Wahnsinn auf Mallorca: Wohnwagen-Kolonie in Palma will eigener Stadtteil werden

Die mittlerweile rund 150 Bewohner fordern Anerkennung als Nachbarschaftsverein. Und hoffen auf Hilfe aus Brüssel

Wohnwagen auf dem Gelände der öffentlichen Sport- und Schwimmbadanlage Son Hugo an Palmas Ringautobahn | Foto: Fernando Fernández

| Mallorca |

Auf dem Gelände nahe der öffentlichen Sportanlagen von Son Hugo, wenige Autominuten vom Zentrum von Palma de Mallorca entfernt, ist aus einer Notlösung längst ein Dauerzustand geworden. Wo früher vereinzelt Wohnmobile parkten, stehen heute dicht an dicht Wohnwagen, ausgefahrene Markisen, Fahrräder, Kinderroller. Mehr als 150 Menschen leben hier inzwischen – viele von ihnen dauerhaft. „Wir sind keine Siedlung, wir sind ein Stadtteil“, sagt Begoña Iglesias, Sprecherin der Bewohner gegenüber der MM-Schwesterzeitung „Ultima Hora“. Ende dieses Monats wollen sie sich offiziell als Nachbarschaftsgemeinschaft konstituieren. Doch dazu braucht es nicht allein das Einverständnis aus dem Rathaus.

Die Siedlung platzt bereits aus den Nähten. „Wir sind zu hundert Prozent ausgelastet“, erklärt Iglesias. Freie Stellplätze gebe es kaum noch. Unter den Bewohnern sind Arbeiter, Angestellte, Selbstständige – und rund ein Dutzend Kinder. Einige von ihnen pendeln zwischen getrennt lebenden Eltern, je nach Sorgerechtsregelung. Die Wohnwagen sind nicht Abenteuer, sondern Alltag. Für viele ist Son Hugo die letzte bezahlbare Adresse in Palma.

Wenn 1500 Euro das Ende einer Wohnung sind

Der Zustrom hat einen klaren Grund: die Mieten. Wer heute in Palma eine einfache Zweizimmerwohnung sucht, zahlt schnell 1500 Euro im Monat – kalt. Für viele reichte das Einkommen irgendwann nicht mehr. Sie zogen zuerst in ihre Fahrzeuge, parkten jahrelang auf wechselnden Flächen bei städtischen Einrichtungen. Son Hugo wurde zum Sammelpunkt, weil es dort Platz gab – und vorerst keine unmittelbare Räumung.

Andere Bewohner kamen aus Son Güells, einem zweiten Wohnwagen-Schwerpunkt der Stadt. Dort jedoch entstehen derzeit neue Wohnanlagen, gebaut von einem großen Immobilienbauträger. Gleichzeitig berichten Anwohner von zunehmenden Konflikten in der Gegend. Viele langjährige Wohnwagenbewohner verließen Son Güells – und fanden in Son Hugo einen neuen Standort. Oder zogen gleich weiter nach Marratxí.

Der Gang nach Brüssel

Dass sich die Bewohner organisieren, ist kein spontaner Akt. Bereits im Oktober 2025 machten Vertreter der Wohnwagenbewohner von Son Hugo und Son Güells international auf ihre Situation aufmerksam. Javier González und Begoña Gómez reisten nach Brüssel, um im Europäischen Parlament an einer Tagung zur Wohnungskrise teilzunehmen. Der Titel: „Häuser für Menschen, nicht für Spekulationen“.

Dort sprachen sie über Mallorca – und über Inseln, die unter besonderem Druck stehen. Ferienvermietung, internationale Investoren, Zweitwohnungen, die monatelang leer stehen. „Die Wohnwagen sind nur eine Folge dessen, was Arbeitnehmer erleben, die mit den aktuellen Mietpreisen konfrontiert sind“, sagten die Sprecher. Sie forderten strengere Regeln für Investoren und steuerliche Zuschläge für nicht gemeldete Eigentümer. Die Ursachen der Krise, so ihre Botschaft, lägen nicht auf Parkplätzen – sondern in der Immobilienpolitik.

Der Versuch, rechtlich zu werden

Im Dezember 2025 konkretisierte sich die Idee, die Situation rechtlich abzusichern. Die Wohnwagensiedlung von Son Hugo war inzwischen zu einem Symbol für die Wohnungsnot in Palma geworden. Trotz neuer kommunaler Verordnungen blieben die Bewohner vor Ort – bemüht um Ordnung, um Regeln, um Dialog. Die Idee: eine Nachbarschaftsgemeinschaft, mit Satzung, Vorstand, klaren Zuständigkeiten.

Es geht nicht darum, Sonderrechte zu bekommen“, sagte Sprecherin Iglesias damals. „Wir wollen die Vorschriften einhalten.“ Viele der Bewohner sind gemeldet, berufstätig, zahlen Steuern. Doch der entscheidende Punkt bleibt ungelöst: Das Gelände gehört der Stadt. Rechtlich ist Son Hugo kein Wohngebiet, sondern ein Parkplatz einer städtischen Sportanlage.

Ein Viertel ohne Adresse

Nun, Wochen später, wird aus der Idee Realität. Iglesias wird voraussichtlich Vorsitzende der neuen Gemeinschaft, Javier Gómez soll Schatzmeister werden. Gemeinsam wollen sie Ansprechpartner für Behörden sein – und Verantwortung übernehmen. Emaya, der städtische Entsorgungsbetrieb, soll kommen, um aufzuräumen. Die Bewohner selbst wollen das Gelände pflegen, Unkraut entfernen, Ordnung schaffen.

Gleichzeitig betonen sie ihr Interesse an einem guten Verhältnis zu den Betreibern der Schwimmanlagen von Son Hugo. Viele nutzen diese selbst regelmäßig. Gespräche mit den Verantwortlichen sind geplant. Es ist der Versuch, aus einem Provisorium ein funktionierendes Miteinander zu machen.

Was bleibt, ist ein politisch heikler Zustand: Ein wachsender „Stadtteil“, der keiner sein darf. Ein Viertel ohne Bebauungsplan, ohne Adresse, ohne Eigentum. Und eine Gruppe von Menschen, die nicht mehr verschwinden will – weil sie weiß, dass es für sie auf dem regulären Wohnungsmarkt keinen Platz mehr gibt.

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