Wenn am 24. Januar die 35. Challenge Ciclista Mallorca beginnt, endet die Schonfrist im Profiradsport abrupt. Keine Ausreden mehr, kein Verstecken hinter Trainingswerten, kein „wir sind noch nicht so weit”. Auf der Insel beginnt die Saison 2026 dort, wo sie sich im Sommer bei der Tour de France entscheidet: im Rennen. Mallorca ist kein Prolog, sondern ein Prüfstand – für Beine, Material, Taktik und Selbstverständnis. Wer hier überzeugt, wird ernst genommen – der erste Blick in den Spiegel eines langen Radsportjahres.
Die Challenge ist dabei kein klassisches Etappenrennen, sondern eine Serie von fünf eigenständigen Eintagesrennen, verteilt auf die Tage bis zum 1. Februar. Dieses Format macht sie so besonders – und so gnadenlos ehrlich. Gesteuert wird das Ganze vom Weltverband UCI, dessen Ligensystem die Elite des Sports nach Mallorca führt: WorldTeams mit ihren Millionenbudgets treffen auf hungrige ProTeams und ambitionierte Continental-Mannschaften. Insgesamt 39 Männer- und Frauen-Teams sind am Start. Fast 500 Fahrerinnen und Fahrer reisen an, auch wenn pro Tag nur sieben pro Team starten dürfen. „Gerade zu Beginn der Saison ist das sehr wichtig”, sagt Rennleiter und Veranstaltungsdirektor Manuel Hernández. „Die Teams können verschiedene Konstellationen testen und die Challenge wie ein Trainingslager mit Wettkampfhärte nutzen.”
Deutsche Hoffnungsträger im Scheinwerferlicht
Für deutsche Radsportfans richtet sich der Blick besonders auf Florian Lipowitz. Der 25-Jährige vom Team Red Bull–Bora–hansgrohe hat mit Platz drei bei der Tour de France 2025 endgültig den Sprung in die Weltspitze geschafft. Auf den langen, unbarmherzigen Anstiegen der Serra de Tramuntana zeigt sich, ob seine Beine den nächsten Entwicklungsschritt gemacht haben. An seiner Seite fährt erstmals Remco Evenepoel – Olympiasieger, Vuelta-Gewinner, Ausnahmeathlet. Und zu den großen Stars zählt auch der mallorquinische Lokalheld Enrique Mas, der mit seiner Ortskenntnis und Kampfkraft die Bergankünfte zu seinen Bühnen macht. „Große Namen ziehen immer am meisten Aufmerksamkeit auf sich“, sagt Hernández. „Die Leute sind extrem gespannt, diese Stars live zu sehen.“
Auch bei den Frauen, die vom 24. bis 27. Januar an den Start gehen, steht eine Deutsche im Rampenlicht. Liane Lippert, Kapitänin des spanischen WorldTeams Movistar, gehört auf der Insel zu den prägenden Figuren. Hügel, kurze Anstiege, explosive Finals – genau ihr Revier. Mit Siegen bei Giro und Tour hat sie bewiesen, dass sie solche Rennen lesen kann wie wenige andere. Für Hernández ist die Entwicklung des Frauenradsports ein zentrales Anliegen: „Wir haben vor drei Jahren begonnen, Schritt für Schritt. Die Entwicklung ist sehr gut, und solange das so bleibt, werden wir diesen Weg weitergehen.“
Kontroversen, Neuerungen und der wahre Charakter der Challenge
Doch die Challenge zeigt nicht nur sportliche Härte, sondern sorgt mitunter auch für Eklats: Im vergangenen Jahr führte Dauerregen zu zahlreichen Stürzen auf der Talfahrt Richtung Andratx. Einige Teams reagierten mit drastischen Maßnahmen und brachen die Etappe eigenmächtig ab – gegen den ausdrücklichen Willen der Rennleitung. „Wir haben uns in diesem Jahr nicht nicht viel anders vorbereitet als im letzten“, erklärt Manuel Hernández. „Und wir sind nach wie vor der Meinung, dass das Fehlverhalten von anderer Seite kam. Deshalb sehen wir keinen Grund, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Wir haben die Schleife in Andratx etwas angepasst, um Probleme bei Nässe zu vermeiden, aber darüber hinaus nicht viel mehr. Wir tragen keinerlei Schuld an dem, was passiert ist.“
2026 bringt zudem eine Premiere: Erstmals steht ein Mannschaftszeitfahren auf dem Programm. Eine Disziplin, die Technik, Vertrauen und Leidensfähigkeit vereint. „Es ist extrem spektakulär, ein Team geschlossen bei voller Geschwindigkeit zu sehen“, erklärt Hernández. Entscheidend ist nicht der Erste, sondern der vierte Fahrer im Ziel. Wer zu früh explodiert oder einen Kollegen verliert, bezahlt mit Sekunden.
Warum Mallorca der perfekte Prüfstand ist
Die Strecken selbst sind ein Spiegel der Insel: die brutale Serra de Tramuntana mit über 3000 Höhenmetern, der Coll de Puig Major als Prüfstein für Kletterer, dazu pfeilschnelle Finals am Paseo Marítimo von Palma, wo Sprinter mit bis zu 70 km/h um Sekunden kämpfen. „Mallorca ist ein perfektes Labor“, sagt Hernández. „Sprint, Berge, Zeitfahren – hier gibt es alles.“
Über 80 Stunden Live-Übertragung weltweit machen die Challenge zu einem globalen Schaufenster – mitten im Januar. „Das ist eine enorme Promotion“, betont Hernández. Sportlich wie touristisch. Vor allem aber ist es eines: der Moment, in dem Ausreden enden. Auf Mallorca sprechen zuerst die Beine. Und sie lügen nicht.
Die genauen Informationen zu allen Etappen gibt es auf
www.vueltamallorca.com