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INSEL UNTER DAUERBELASTUNG

Angestrebter Kurswechsel im Tourismus: Beratergremium liest Politik die Leviten

Seit Beginn der Legislaturperiode spricht die konservative Landesregierung von mehr Nachhaltigkeit und einer breiter aufgestellten Wirtschaft. Experten schenken diesen Worten offenbar zunehmend weniger Vertrauen.

Mallorca bewegt sich nach Einschätzung vieler Experten auf den Kollaps zu | Foto: T. Ayuga

| | Palma, Mallorca |

Mallorca steuert nach Einschätzung des Beratergremiums Fòrum de la Societat Civil auf eine Zuspitzung "seiner sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Probleme" zu. Die Vertreter aus Kultur, Wirtschaft und Kultur haben in ihrem Jahresbericht 2025 zu den Indikatoren des gesellschaftlichen Wandels eindringlich vor den Folgen eines weiterhin stark tourismusgetriebenen Wirtschaftsmodells gewarnt. Ohne "tiefgreifende politische Kurskorrekturen" drohten Überlastung, gesellschaftliche Spaltung und zunehmende Umweltprobleme.

Der Bericht prognostiziert für das Jahr 2050 rund 1,5 Millionen Einwohner (derzeit knapp eine Million) sowie jährlich etwa 56 Millionen Menschen, die mit Flugzeug oder per Fähre anreisen. In den Sommermonaten könne die sogenannte menschliche Belastung auf bis zu zwei Millionen Menschen ansteigen. Bereits heute sei die Situation "extrem": 2024 kamen rechnerisch 29 Touristen auf einen Einwohner, eine der höchsten Quoten weltweit.

"Wenn keine wirklich korrigierenden Maßnahmen ergriffen werden, ist die notwendige Transformation hin zu einem ausgewogeneren und nachhaltigeren Modell praktisch nicht existent", so Mitautor Jaume Garau am Donnerstag der MM-Schwesterzeitung "Ultima Hora". Zwar habe die Corona-Pandemie kurzfristig zu einem Einbruch bei den Besucherzahlen geführt, doch das bestehende Modell habe sich rasch erholt. Politische Debatten über mehr Nachhaltigkeit und einen Modellwechsel griffen aus Sicht des Gremiums zu kurz und vermieden strukturelle Fragen.

Besonders dramatisch stellt sich demnach die Lage auf dem Wohnungsmarkt dar. Haushalte auf den Balearen müssen im Schnitt 56,4 Prozent ihres Einkommens für das Bedienen der monatlichen Hypothek aufbringen. Sieben Prozent der Haushalte lebten in "extremer Armut". Vor diesem Hintergrund organisiert das Gremium, das der Landesregierung beratend zur Seite steht, am 20. Juni einen Kongress zum Thema Wohnen. "Es gibt spürbare soziale Spannungen und eine große Bereitschaft zur Mobilisierung", sagt Gremiumsmitglied Josep Benedicto. Zugleich beklagte er einen mangelnden Austausch zwischen Bevölkerung und Politik.

Kritik richtet sich auch gegen die Wohnungspolitik der Landesregierung. Maßnahmen zur Beschleunigung von Bauprojekten kämen vor allem Bauträgern zugute, während bezahlbarer Wohnraum weiter knapp bleibe. Das Gremiuum fordert unter anderem einen "massiven Ausbau des öffentlichen Wohnungsbaus, Einschränkungen für Ferienvermietung sowie eine stärkere Regulierung des Marktes".

Auch ökologisch sehen die Autoren des Berichts alarmierende Trends: steigenden Wasserverbrauch, wachsende Müllmengen, zunehmenden Autoverkehr und einen zu zögerlichen Ausbau erneuerbarer Energien. Wirtschaftlich bleibe Mallorca "stark vom Tourismus abhängig und wenig diversifiziert".

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