Nach der jüngsten Zerschlagung eines mutmaßlichen Menschenhändlerrings mit 15 befreiten Frauen rückt das Ausmaß sexueller Ausbeutung auf der Ferieninsel erneut in den Fokus. Im Zentrum steht auch die Geschichte von Violeta, die nach eigenen Angaben 2019 unter falschen Versprechungen nach Mallorca gelockt wurde.
Erst vor wenigen Wochen hatte die Nationalpolizei in Palma 15 chinesische Frauen aus Wohnungen befreit und 14 Verdächtige festgenommen. Die Opfer seien über soziale Netzwerke mit Jobangeboten als Masseurin oder Pflegekraft angeworben worden, hieß es seitens der Ermittlungsbehörden. Tatsächlich habe man sie zur Prostitution gezwungen, rund um die Uhr überwacht und zwischen verschiedenen Zuhältergruppen "gekauft und verkauft". In einem der untersuchten Bordelle sollen binnen eines Jahres 1,2 Millionen Euro umgesetzt worden sein.
Violeta, die eigentlich einen anderen Namen hat, schildert gegenüber der MM-Schwesterzeitung "Ultima Hora" ähnliche Strukturen. Sie sei mit der Aussicht auf seriöse Arbeit aus Argentinien gekommen und habe dafür 5000 Euro Schulden aufgenommen. In einem Club in Cala Major habe sie die Summe mit ihrem Körper "abarbeiten" müssen.
Gleichzeitig habe sie sich ein Zimmer mit mehreren Frauen, die ein ähnliches Schicksal ereilte, teilen müssen. Rund um die Uhr habe sie für ihre Peiniger verfügbar sein müssen, einen festen Lohn habe sie dabei nie erhalten. Auszahlungen seien willkürlich gekürzt worden – unter Verweis auf angebliche Schulden.
Ohne gültige Aufenthalts- und Arbeitspapiere und ohne soziale Kontakte habe sie lange "keinen Ausweg" gesehen. Gespräche mit Kunden seien kontrolliert, Ausgänge überwacht worden. Als sie ein Kunde einmal gewürgt habe, habe man ihr vorgeworfen den Mann verärgert zu haben. "Es gab keinen Moment zur Flucht“, sagt sie.
Erst nach einem heftigen Streit habe man sie mit 50 Euro ziehen lassen. Mehr will sie dazu nicht sagen. Wenig später erstattete sie Anzeige, vorübergehend wurde sie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Sie habe ausgesagt, weil die Zustände "wahnsinnig, unmoralisch, illegal" gewesen seien. Dennoch sei es nie zu einem Prozess gegeben. "Ich fühle mich von der Justiz vergessen."
Heute arbeitet Violeta nach eigenem Bekunden weiterhin im Milieu. Der Ausstieg sei "schwierig", sagt sie. Es winke schnelles Geld, zudem reichten auf Mallorca reguläre Jobs "kaum zum Leben". Sie wünscht sich eine gesetzliche Regulierung der Prostitution, um Ausbeutung einen Riegel vorzuschieben und einen Weg aus der Grauzone zu finden. "Wenn man einmal in die Fänge der Mafia gerät, ist man so gut wie verloren."