Folgen Sie uns F Y T I R

Vor dem China-Neujahr: So leben Menschen aus dem Reich der Mitte auf Mallorca

In Palma führen zahlreiche chinesische Gastronomen nicht nur China-Restaurants, sondern spanische Tapas-Bars. MM hat mit ihnen über Integration, Arbeit und ihr Leben zwischen zwei Kulturen gesprochen

Am Sonntag wird in Palma das Frühlingsfest gefeiert | Foto: Reuters

|

Auf der Theke stehen zwei duftende Tostadas mit Tomate und Olivenöl. "Für Tisch drei", ruft eine hagere Frau ihrer Mitarbeiterin auf Chinesisch zu. Diese serviert das heiße Frühstück einem Mallorquiner und fragt auf fließendem Spanisch: "Magst du noch einen Café con leche?"

Die Inhaber der Cafeteria "Palma" im Viertel Pere Garau sind Chinesen, die – wie heutzutage häufig – kein China-Restaurant betreiben. Vielmehr führen sie erfolgreich Lokale mit ortstypischen Speisen. Aber wie haben sich die Menschen aus dem fernen Reich der Mitte auf Mallorca so gut integrieren können? Und warum haben sie China überhaupt verlassen?

Chinesen lieben das gemeinsame Essen in der Familie. Solche Traditionen pflegen sie auch auf Mallorca.

"Ich bin vor 20 Jahren nach Mallorca ausgewandert", berichtet die Chefin, die weder ihren Namen noch ein Foto in der Zeitung sehen möchte. "Viele Chinesen haben wie ich in der Heimat keine Ausbildung genossen und sind in der Hoffnung auf ein besseres Einkommen aufgebrochen." Egal wo – sie müsse überall hart arbeiten. "In Spanien habe ich wenigstens einen Tag in der Woche frei, in China arbeitet man quasi durchgehend." Und dennoch sei die Integration schwer, gerade weil sie wenig Zeit habe. "Ich kann immer noch kein Spanisch. Einige Einheimische schikanieren mich deshalb. Dann würde ich mich gerne verteidigen können", gesteht sie. "Aber ich bleibe trotzdem hier", sagt die Frau ein wenig traurig. Mit der Zeit gewöhne man sich an das Leben und akzeptiere es. Die Mehrheit der Spanier sei – glücklicherweise – sehr liebenswert.

Mallorca-Bar: Multikulturell, mehrsprachige Familie

Etwas positiver gibt sich ihre Mitarbeiterin, die sich "Nieves" nennt. Sie wanderte 2015 aus China aus. "Es gibt keinen großen Unterschied. Arbeiten und Geld verdienen ist überall notwendig." Bevor Nieves vor zwei Jahren ein Kind bekam, dachte sie noch über eine Rückkehr nach Asien nach. "Aber in China sind die Veränderungen so rasant, da kommen wir gar nicht mehr mit", gesteht sie.

Die junge Chinesin kann sich auf Spanisch gut verständigen. "Nach drei Monaten als Kellnerin hatte ich gelernt, mich einigermaßen mitteilen zu können. Für Sprachkurse hatte ich keine Zeit. Ich plaudere einfach mit den Kunden – so lerne ich sehr gut." Auch wenn sie ihre Heimat sehr vermisse, fühle sie sich inzwischen recht wohl. Dennoch sei das Leben in Spanien nicht nur rosig. "Es wird überall ständig alles teurer." Eine Wohnungsmisere wie auf Mallorca gebe es inzwischen vielerorts. "Klar ist das schwierig! Ich muss also härter arbeiten. Aber das müssen wir alle", sagt Nieves trocken und zuckt mit den Schultern. "Egal, am kommenden Sonntag feiern wir auf der Plaça Pere Garau mit ganz Palma unser Frühlingsfest." Es ist das Jahr des Feuerpferdes angebrochen. "Das soll uns neue Energie bringen", lächelt sie und eilt zum nächsten Kunden.

"Viele Chinesen haben eine interessante Entwicklung durchlaufen", sagt der Präsident der chinesischen Vereinigung Achinib, Fang Ji. Derzeit leben auf den Balearischen Inseln etwa 12.000 chinesische Staatsbürger, davon mehr als 10.000 auf Mallorca. "Immer mehr chinesische Unternehmer tätigen größere Investitionen, etwa in größere Restaurants oder andere Projekte", so der Vorsitzende. "Und wenn die Eltern auf Mallorca eine stabile wirtschaftliche Situation aufgebaut haben, holen sie in der Regel ihre in China verbliebenen Angehörigen nach, um die Familie wieder zu vereinen."

Ein weiteres Beispiel ist das Lokal "Cristian" im Carrer Rafael Rodríguez Méndez. Auch dieses wird von Chinesen geführt und ist dennoch mit Spaniern und Einheimischen gut gefüllt. Das Einzige, was hier exotisch aus der Menge heraussticht, ist die goldene Glückskatze auf der Theke, die dem Publikum – typisch asiatisch – stumm entgegenwinkt.

Kellnerin und Inhaberin Jinling Li plaudert und scherzt in fließendem Spanisch mit ihren Kunden. Ihre drei auf Mallorca geborenen Kinder sitzen mit spanischen Schulkameraden an einem Tisch. Nachdem sie ihnen Trauben zum Naschen und Getränke gebracht hat, ruft sie ihrem Mann Qianwei auf Chinesisch die Bestellungen zu. Li hat den Laden im Griff. "José, dein Bier", sagt sie zu einem Spanier und reicht ihm das Malzgetränk mit einer Tapa über die Theke. Auf dem Tellerchen: Kartoffelecken und drei Frühlingsrollen.

Die Küche? "Gemischt. Bei uns gibt es klassische Bocadillos, Kroketten und Tostadas, aber auch chinesische Gerichte." Am beliebtesten ist der Reis mit Hühnchen und süß-saurer Soße, in die sogar die Schinken-Kroketten getunkt werden. "Ich bin vor 15 Jahren aus der südchinesischen Provinz Guangzhou – in Europa unter dem Namen Kanton bekannt – auf die Insel gekommen", berichtet Li. Ihr Mann war bereits auf Mallorca und arbeitete in der Gastronomie. Vor sieben Jahren übernahmen sie die Bar "Cristian" vom gleichnamigen Gründer. Der Laden läuft, mit ihrem bisherigen Leben sind sie zufrieden und möchten nicht mehr nach China zurückkehren.

"Wir sind glücklich hier. Ich habe wie alle meine Landsleute Spanisch bei der Arbeit gelernt. Vorher sprach ich nur Mandarin und Kantonesisch." Ihre Kinder wachsen mehrsprachig auf. Die 40-Jährige ist stolz. Denn in China gilt Bildung als Tugend. Gebildete Menschen werden bewundert. Sie fördert ihre Kinder, wo immer sie kann. „Alle drei Söhne sprechen Mandarin, Kantonesisch, Spanisch, Katalanisch und Englisch. Mein 13-jähriger Sohn lernt gerade Deutsch. Ihm gefällt die Sprache so gut", sagt die Mutter und widmet ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Gästen.

Der Sohn klappt sein Deutschheft zu und redet auf Mallorquinisch mit seinen Geschwistern und Freunden. Auch er freut sich auf die Feierlichkeiten am Wochenende. "Da kommt die ganze Familie zum großen Festessen. Und am Sonntag gibt es im Viertel Pere Garau einen Drachentanz. Das müsst Ihr sehen." An diesem Tag scheinen alle kulturellen Unterschiede keine große Rolle zu spielen. Ob Spanier, Mallorquiner oder Chinesen – es wird gemeinsam gefeiert. Bei so viel Sprachkenntnis und gelungener Integration würde Konfuzius vermutlich nur den Hut ziehen.

Zum Thema
Meistgelesen