Ein kürzlich gesprochenes Urteil des Obersten Gerichtshofs der Balearen könnte es auf Mallorca schon bald zu Engpässen in der Güterversorgung vom Festland führen, zumindest aber für eine deutliche Verteuerung aller auf dem Seeweg herangeschaften Waren. Grund: Laut den Richtern muss ab sofort die Zeit, die Lkw-Fahrer während einer Fährüberfahrt mit ihrem Fahrzeug verbringen, künftig als Arbeitszeit gewertet und entsprechend vergütet werden. Bislang wurde diese Zeit in vielen Fällen als Ruhezeit angerechnet, sofern den Fahrern eine Kabine zur Verfügung stand. Mit der neuen Regelung gilt sie nun als sogenannte Arbeitsbereitschaft – selbst dann, wenn der Fahrer nicht aktiv am Steuer sitzt. Das bedeutet: Die Stunden müssen bezahlt oder durch Freizeit ausgeglichen werden.
Deutliche Mehrkosten durch Insellage
Nach Angaben des Branchenverbands der Transport- und Speditionsunternehmen könnten die Kosten pro Einschiffung um bis zu 35 Prozent steigen. Grund dafür ist die besondere geografische Lage der Balearen: Der Transport per Fähre ist keine Option, sondern Voraussetzung für den Warenverkehr. Jede Überfahrt zwischen Inseln und Festland dauert mehrere Stunden. Diese Zeit fällt nun vollständig in die Arbeitszeit der Fahrer. Die Folge sind strukturelle Mehrkosten, die sich laut Verband nicht vermeiden lassen.
Konflikt mit bestehenden EU-Regeln
Zusätzlich entsteht ein rechtliches Spannungsfeld. Nach europäischen Vorschriften kann die Zeit auf der Fähre unter bestimmten Bedingungen weiterhin als Ruhezeit gelten – etwa wenn eine Schlafkabine vorhanden ist. Die neue Auslegung des Gerichts steht dazu teilweise im Widerspruch. Für die Praxis bedeutet das erhebliche Einschränkungen: Die als Arbeitsbereitschaft gewertete Zeit wird auf das Wochenlimit angerechnet. Bereits wenige Überfahrten können dazu führen, dass Fahrer ihr zulässiges Stundenkontingent erreichen. Das kann konkrete Folgen haben: Fahrer müssen ihre Arbeit unter Umständen einstellen, obwohl sie nur wenige Kilometer auf der Straße zurückgelegt haben. Gleichzeitig steigt der Bedarf an zusätzlichem Personal – in einer Branche, die bereits jetzt unter Fahrermangel leidet, hieß es in einer am Freitag verschickten Pressemitteilung des Verbandes.
Auswirkungen auf Preise und Versorgung
Neben den operativen Problemen sieht die Branche auch wirtschaftliche Risiken. Das Urteil könnte rückwirkende Forderungen für bislang nicht vergütete Zeiten nach sich ziehen und damit zusätzliche Unsicherheit schaffen. Vor allem aber dürften die steigenden Transportkosten nicht ohne Folgen bleiben. Da ein Großteil der Waren per Schiff auf die Inseln gelangt, könnten sich die Mehrkosten entlang der Lieferkette fortsetzen – bis hin zu den Verbraucherpreisen.
Der Verband fordert daher Gespräche mit den Behörden, um die besonderen Bedingungen von Inselregionen stärker zu berücksichtigen. Ziel sei es, Wettbewerbsnachteile zu vermeiden und die Versorgungssicherheit auf Mallorca langfristig zu gewährleisten.