Folgen Sie uns F Y T I R
WEG VON DER INSEL

Es geht auch ohne Mallorca: Was einen waschechten Mallorquiner ins ferne Galicien verschlägt

Jaume Giner wollte nicht mehr mitspielen. Abgeschreckt von exorbitanten Lebenshaltungskosten und einem stressigen Job im Tourismus wandte er sich von seiner Heimatinsel ab. Und genießt seither die neue Ruhe.

Weit weg von Mallorca und trotzdem glücklich: Jaume Giner vor seinem ersten eigenen Lokal in Galicien. | Foto: J.G.M.

| | Palma de Mallorca |

Vor Massentourismus und exorbitant hohen Wohnkosten kehren Mallorquiner ihrer Insel in steigenden Zahlen den Rücken. Dass auch außerhalb Mallorcas ein Leben möglich ist, beweist Jaume Giner.

Der Inselflüchtling aus Manacor hat sich für einen ungewöhnlichen Neuanfang entschieden: Statt wie viele seiner Landsleute in größere Städte oder klassische Zielregionen auf dem spanischen Festland zu ziehen, übernahm er ein seit Jahren geschlossenes Gasthaus in einem abgelegenen Bergdorf im Nordwesten Spaniens. In A Seara, einer kleinen Ortschaft in der galicischen Provinz Lugo auf rund 1.000 Metern Höhe, betreibt Giner seit Anfang April das Restaurant Mesón Carrete – umgeben vom Gebirgszug Serra do Courel.

Der Wegzug aus Mallorca markiert einen radikalen Bruch mit seinem bisherigen Leben. Jahrelang arbeitete Giner in der Hotellerie, auf Mallorca, Formentera und den Kanaren, zuletzt als Rezeptionsleiter. "Ich habe aber immer gern gekocht", sagt er gegenüber der MM-Schwesterzeitung "Ultima Hora" und verweist auf den prägenden Einfluss seiner Mutter, die seine Leidenschaft für die Küche geweckt habe. Die Möglichkeit, ein eigenes Lokal zu führen, habe sich eher zufällig ergeben: Im Internet sei er auf das Angebot gestoßen, den seit fünf Jahren geschlossenen Betrieb zu übernehmen. "Ich bin hergekommen, habe es mir zweimal angesehen und mich entschieden", sagt er.

Dass der Schritt auch eine Flucht vor den Bedingungen auf seiner Heimatinsel war, verhehlt Giner nicht. Auf Mallorca sei es zunehmend unmöglich geworden, ein bezahlbares Projekt zu finden. In Galicien hingegen habe man "quasi auch mich gewartet". Er habe "nur die Tür aufstoßen und mit dem Kochen beginnen müssen". Zugleich tue ihm ein Tapetenwechsel "einfach gut".

Heute führt er das Restaurant weitgehend allein, lediglich an den Wochenenden erhält er Unterstützung. Der Zuspruch sei bereits in den ersten Wochen spürbar gewesen. "Am vergangenen Sonntag hatten wir 40 Gäste", sagt Giner. Die Reaktionen der Dorfbewohner und Besucher seien positiv, er sei im Begriff, sich eine Stammkundschaft aufzubauen.

Kulinarisch setzt Giner auf eine Mischung aus regionaler Tradition und mallorquinischen Einflüssen. Neben klassischen galicischen Gerichten wie Eintöpfen und dem caldo gallego wolle er auch Produkte und Spezialitäten von den Balearen einbringen – etwa Mahón-Käse oder Sobrasada. Eine feste Speisekarte gebe es nicht, stattdessen werde täglich entschieden und entsprechend frisch gekocht, "mit Produkten von hier, aus der Region, authentisch", wie er betont.

Touristisch biete seine neue Heimat Potenzial, glaubt Giner. Das nahegelegene Naturschutzgebiet Montañas do Courel, von der UNESCO anerkannt, sowie Wanderziele wie der Monte Formigueiros oder die Laguna de Lucenza zögen immer immer Naturliebhaber an. Giner hofft, künftig an Wochenenden auch abends Gäste bedienen zu können.

Privat hat er sich bewusst für ein ruhigeres Leben entschieden. Er wohnt im selben Dorf, "direkt gegenüber" seines Lokals. Die Atmosphäre unterscheide sich wohltuend von der Hektik Mallorcas. Während dort die Tourismussaison anlaufe, lebe er nun "umgeben von Bergen, Natur und einer Ruhe, die das genaue Gegenteil meines früheren Lebens ist".

Seine Entscheidung, Mallorca abzuhaken, bereut er nicht. "Ich bin einfach begeistert von hier", sagt Giner enthusiastisch. Und vielleicht, so hofft er, werde sich eines Tages auch ein Landsmann in das abgelegene Dorf verirren: "Es würde mich wahnsinnig freuen, hier einen Mallorquiner zu sehen."

Zum Thema
Meistgelesen