Mallorca schrumpft – zumindest dort, wo es wehtut. Nicht bei Hotelbetten oder Neubauprojekten, sondern bei den Menschen, die jahrzehntelang auf der Insel gearbeitet haben. Immer mehr Rentner verlassen Mallorca. Nicht aus Abenteuerlust. Sondern, weil sie sich das Bleiben nicht mehr leisten können.
Am Ende des Berufslebens steht für viele eine einfache Rechnung. Und die geht auf Mallorca immer seltener auf. Die Mieten liegen über der durchschnittlichen Rente, Eigentum ist für viele unerreichbar geworden. Wer eine Wohnung besitzt, verkauft sie. Wer verkauft, geht. Der Ruhestand beginnt dann nicht mehr auf der Insel, sondern auf dem Festland.
Pedro Berruezo, Generalsekretär der Gewerkschaft der Rentner und Pensionäre der UGT auf den Balearen, beschreibt die Entwicklung gegenüber der spanischen MM-Schwesterzeitung "Ultima Hora" nüchtern. Viele Menschen trennten sich beim Eintritt in den Ruhestand von ihrer Wohnung auf Mallorca, sagt er. Nicht aus Wunsch nach Veränderung, sondern aus finanzieller Notwendigkeit. Mit dem Erlös lasse sich anderswo eine günstigere Immobilie kaufen – und mit dem Rest ein ruhigeres Leben führen.
Warum Galicien plötzlich attraktiver ist als Palma
Oft betrifft es Menschen, die vom spanischen Festland nach Mallorca kamen, um zu arbeiten. In ihren Herkunftsregionen besitzen sie noch Häuser, geerbt von Eltern oder Verwandten. Doch längst sind es nicht mehr nur Zugezogene. Auch gebürtige Mallorquiner verlassen ihre Insel. Das bestätigt José Miguel Artieda, Präsident der Immobilienmaklerkammer der Balearen.
Besonders gefragt ist Galicien. Nicht wegen der Landschaft, sondern wegen der Preise. Auf den Balearen kostet der Quadratmeter im Schnitt über 4000 Euro. Eine durchschnittliche Wohnung liegt damit jenseits von 300.000 Euro. In Galicien dagegen kostet derselbe Wohnraum nur einen Bruchteil. Wer auf Mallorca verkauft und dort kauft, behält oft einen sechsstelligen Betrag übrig.
Dieses Geld, sagt Artieda, reiche für einen Ruhestand ohne permanente Sorgen. Die Lebenshaltungskosten seien niedriger, Reisen wieder möglich, kleine Wünsche erfüllbar. Dinge, die auf Mallorca für viele Rentner längst außer Reichweite liegen.
Gekauft ohne Besichtigung – gegangen ohne Rückkehr
In Galicien ist der Trend längst Realität. Patricia Vérez, Vorsitzende der Immobilienmaklerkammer von A Coruña, spricht von zahlreichen Kaufabschlüssen und noch mehr Anfragen. Teilweise würden Häuser gekauft, ohne sie vorher gesehen zu haben. Besonders im Landesinneren locken Preise, die auf Mallorca unvorstellbar sind.
Doch die Schnäppchen haben ihren Preis. Viele Gebäude seien sanierungsbedürftig, Handwerker knapp, Renovierungen schwierig. Der Umzug sei kein romantischer Neuanfang, sondern eine Entscheidung mit Risiken. Trotzdem reißt die Nachfrage nicht ab. Artieda berichtet von immer mehr Anfragen mallorquinischer Käufer, die Immobilien unter 1500 Euro pro Quadratmeter suchen – ein Preisniveau, das auf der Insel kaum noch existiert.
„Ein Rentner ohne Eigenheim kann auf Mallorca nicht leben“, sagt Gewerkschafter Pedro Berruezo. Die Zahlen geben ihm recht. Die durchschnittliche Rente auf den Balearen liegt bei rund 1400 Euro, die durchschnittliche Miete bei etwa 1500. Wer kein Eigentum besitzt, ist rechnerisch ausgeschlossen – unabhängig davon, wie lange er auf der Insel gearbeitet hat.
Damit wird der demografische Wandel zur sozialen Frage. Mallorca verliert nicht nur Wohnraum für Einheimische, sondern auch für jene Generation, die den wirtschaftlichen Aufstieg der Insel getragen hat. Der Markt funktioniert – aber er sortiert aus. Und was als individuelle Entscheidung verkauft wird, ist längst ein strukturelles Problem. Die Insel wird nicht kleiner. Aber sie wird enger. Und am Ende bleiben die, die es sich leisten können.