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"Mallorca Observed": Wie ein BBC-Film von 1970 die Zukunft der Insel schonungslos voraussah

Müll, Bauwahn und Massentourismus – warum die Warnungen von damals heute aktueller wirken denn je

In dem Film wird gezeigt, wie man sich unter anderem am Kloster Lluc rührend um die Geier kümmerte | Foto: Archiv

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Als Mallorca noch fast jungfräulich war, sahen einige Beobachter die Dinge schon so kritisch, wie sie heute gesehen werden: Im fernen Jahr 1970 sparte der für die BBC tätige englische Produzent Richard Brock in seinem Dokumentarfilm "Mallorca Observed" nicht mit Gezeter ob gewisser Zustände, wie man bei einer Vorführung im Kulturzentrum "Estudi General Lullià" am Mittwoch der vergangenen Woche nachempfinden durfte. Ob Müll am Strand oder von geierhaft daherkommenden Spekulanten vorangetriebene Bauwut im damals idyllischen Feuchtgebiet um den Llac Gran in Port d’Alcúdia – in dem Film wird dies alles in einigen wenigen, aber den Zuschauern ungeschminkt in die Hirne gepressten Szenen angeprangert. Wobei sich der Großteil des Retro-Streifens um Vögel dreht: Seeadler, Bienenfresser, Rohrdommeln und selbstredend Geier, was Erinnerungen an Karl Mays Roman "Unter Geiern" wachruft.

Die gefiederten Gesellen sind aber nicht so sehr das, was den heutigen Beobachter seelisch packt, sondern die Szenen aus dem prallen Leben: ein einsamer Seat 600 (der VW Käfer der Spanier) auf der Tramuntana-Transversale, Salzarbeiter mit Schwielen an den Händen in Ses Salines, von Eseln gezogene Kutschen auf Landstraßen, Wassermühlen nahe dem Flughafen, die damals noch bestens funktionierten, ein mittelalterlicher Pflug. Und dann sind da noch die schön sixtieshaft frisierten ausländischen Touristen, die schon damals in größerer Zahl an die Strände strömten.

Ein Blick in ein längst verschwundenes Mallorca

Im zu jener Zeit franquistischen Spanien sorgten sich bei diversen Vorführungen des BBC-Werks vor Kindern noch Geistliche um deren mentales Wohlergehen angesichts der ausnehmend liberal daherkommenden Gäste aus dem demokratischen Ausland. "In der La-Salle-Schule in Palma hielt ein Pfarrer einen Karton vor die Leinwand, als er sah, dass ein Tourist das Bein einer Frau mit Sonnencreme einschmierte", lachte der Biologe Joan Mayol nach der von der Stiftung „Mallorca Preservation Foundation" organisierten Neu-Aufführung im "Estudi General Lullià". Auch die zahlreichen kopulierenden Vögel hätten manche klerikalen Tugendwächter damals fast um den Verstand gebracht. Wie er an den zeitgeschichtlich bedeutenden Film bei der BBC in London gelangte, schilderte der Tourismushistoriker Antoni Vives von der Universität Barcelona. "Es war fast Detektivarbeit." Seinen Aussagen zufolge gilt der Film "Mallorca Observed" heute als ein Werk, das den damals nicht einmal rudimentär existierenden Naturschutz auf der Insel erst zum Laufen brachte – und unter anderem die Gründung der Umweltgruppe GOB bewirkte.

Der vor mehr als einem halben Jahrhundert produzierte Streifen wirkt auf fast faszinierende Weise aktuell. Er nimmt vorweg, was später bekanntlich zu einem noch viel größeren Problem werden sollte: durchaus schon viele Urlauber, das verschmutzte Meer und und und. Was damals aber nicht vorausgesehen wurde, ist die Degenerierung des Phänomens Tourismus zu einer Art krakenhaft sich ausbreitender Nabelschau amorpher Massen.

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