Bereits zwei Wochen Krieg zwischen Iran, Israel und den USA haben ausgereicht, um deitlich zu machen, dass Geopolitik einen unmittelbaren Einfluss auf die die gesamte wirtschaftliche Aktivität ausübt. Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) Berlin anfang März machte dieser Einfluss des Krieges sämtliche Strategien zunichte, die die Länder auf dieser wichtigsten Tourismusmesse präsentieren wollten, und er löste ein regelrechtes Erdbeben in den Zentralen von Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften, Reedereien und anderen Bereichen der europäischen und weltweiten Tourismusindustrie aus.
Es wird nicht einfach sein, zur Normalität zurückzugelangen – umso mehr, als der genannte Konflikt die Ölverteilung direkt beeinflusst hat und der Preis für ein Barrel Rohöl sprungweise steigt. Es überrascht daher nicht, dass angesichts des entstandenen Chaos versucht wird, Dialogbrücken zu finden, ungeachtet der Feindseligkeit zwischen den kriegführenden Staaten. Niemand gewinnt, aber alle verlieren. Und genau in dieser dichotomischen Zweiteilung befindet sich auch alles, was mit dem Tourismus zusammenhängt.
Dass man in Berlin behauptete, der Krieg könne kurzfristig eine große Chance für Länder wie Spanien, Griechenland und Italien sowie andere europäische Reiseziele sein, erscheint bei näherem Hinsehen etwas zu simpel, denn letztlich hängt alles miteinander zusammen. Sicherheit ist ein entscheidender Faktor bei der Wahl eines Urlaubsziels – doch derzeit dominiert allgemein die Unsicherheit.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Ereignisse in den kommenden Wochen entwickeln. Andernfalls könnte sich der gemäßigte Optimismus der Tourismusmesse FITUR von Madrid im Januar in Hoffnungslosigkeit verwandeln, so wie das auf der ITB Berlin zu spüren war – und bestätigen, dass eine schwierigere Sommersaison als je zuvor bevorsteht.
Die Hotelketten auf Mallorca und den übrigen balearischen Inseln, insbesondere ihre Vertriebsabteilungen, leisten derzeit mehr Überstunden als je zuvor, weil der Druck durch die Reiseveranstalter zunimmt. Hinzu kommt, dass Fluggesellschaften die Situation nutzen werden, um ihre Preise zu erhöhen, und dass die Reedereien, die zwischen der spanischen Halbinsel und den Balearen verkehren, gezwungen sein werden, ihre Frachtraten zu erhöhen. Das wird sich auf das gesamte produktive Gefüge der Inseln auswirken.
Wie auch immer die Entwicklung weitergeht: Es steht ein Sommer mit im Tourismus stark steigenden Preisen bevor, was die Wettbewerbsfähigkeit von Reisezielen beeinträchtigen wird. Diese hatten sich seit Ende der Pandemie ohnehin deutlich verteuert. Im Durchschnitt verzeichneten die Destinationen jährliche Kosten- und Umsatzsteigerungen von bis zu sechs Prozent. Finanzanalysten sprechen bereits vom „Wilden Westen“ wegen der hohen Volatilität der Weltwirtschaft. Kurzfristig sind die Aussichten von vielen Unsicherheiten geprägt – und eine klare Lösung ist nicht in Sicht.
Das Problem – vielleicht die größte Sorge für Hoteliers, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften – besteht darin, dass sich der „Staycation“-Trend in den Herkunftsmärkten der Urlauber, den "Quellmärkten", verfestigt: Menschen erholen sich zu Hause oder im eigenen Land, anstatt aus Sicherheitsbedenken ins Ausland zu reisen. (Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörten „stay“, für bleiben, und „vacation“, für Ferien, zusammen.)
Die Strategie der TUI Group im Quellmarkt-Tourismus
Die traditionelle europäische Tourismusindustrie befindet sich aufgrund der Veränderungen in der Urlaubsnachfrage mitten in einem Wandel. Die TUI etwa und ihre Aktionäre – darunter die Familie hinter der mallorquinischen Hotelgruppe RIU – versuchen, zusätzliche Quellmärkte zu erschließen, auch wenn die aktuelle geopolitische Lage dies schwieriger denn je macht.
Auf der Berliner ITB verstand es der CEO der TUI Group, Sebastian Ebel, seine Karten perfekt auszuspielen – in einer klaren Strategie, auf allen Schauplätzen präsent zu sein und gleichzeitig wichtige Urlaubsziele für deutsche Reisende, wie dies zweifellos die Balearen sind, zufriedenzustellen.
Die Ermüdungsanzeichen im deutschen Markt – vielleicht aufgrund der hohen Preise im Ausland und der stärkeren Hinwendung zum Inlandstourismus (eben „Staycation“) – hat dazu geführt, dass insbesondere neue Quellmärkte in Osteuropa gesucht werden. Das grundlegende Problem besteht jedoch darin, dass die Preise in der Tourismusindustrie immer teurer werden und einige Quellmärkte dies bereits nicht mehr verkraften können. Dies ist ein jedoch das allgemeines Problem vieler Reiseziele – daher auch der wiederholte Appell der deutschen Reiseveranstalter nach Preiszurückhaltung und Rentabilität. Wir werden sehen, was passiert.
Über den Autor
Juan Luis Ruiz Collado war jahrzehntelang Tourismusredakteur und Fremdenverkehrskorrespondent des balearischen Medienverlages Grup Serra, in dem auch das Mallorca Magazin erscheint. Er ist als Beobachter und Analytiker wie kein zweiter mit den Entscheidungsträgern in der Branche sowie mit den politischen Akteuren vernetzt. Aus dem (Un-)Ruhestand heraus veröffentlicht er die wöchentliche Kolumne "El Crisol" (Der Gral) in der Wirtschaftsbeilage „El Económico“ der spanischen Tageszeitung „Ultima Hora".