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"Eine abstoßende Episode"

Tragisches Schicksal von fünf Krankenschwestern

Nach ihrer Gefangennahme am 4. September wurden die fünf Krankenschwestern zunächst in der Schule von Manacor eingesperrt. In dem dortigen Innenhof entstand die historische Aufnahme, der Fotograf ist unbekannt. Vermutlich wurden die Frauen dort verhört.

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Es war am Samstagmorgen, 5. September, gegen 11 Uhr, als Daría, Mercedes, María García, Teresa und eine fünfte Krankenschwester von den Kugeln des Hinrichtungspelotons an der Friedhofsmauer von Son Coletes bei Manacor tödlich getroffen werden. Die Frauen, zwischen 18 und 53 Jahre alt, hatten in der Nacht zuvor ein Martyrium durchleiden müssen: Eingesperrt in einem Keller am Sa-Bassa-Platz, dem Hauptquartier des italienischen Faschistenführers Conde Rossi. Folter, Misshandlungen, Massenvergewaltigung, permanente Todesangst ...

War es jugendlicher Übermut, politischer Idealismus oder die Euphorie der Stunde gewesen, die die fünf Frauen nach Mallorca geleitet hatten? Wie auch immer: Im revolutionären Barcelona des Sommers 1936, während der aufgeheizten Tage nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, beschließen die Frauen unabhängig voneinander, dem Roten Kreuz beizutreten, um verwundete Soldaten und Milizionäre zu pflegen. Die neuen Rotkreuzschwestern melden sich freiwillig zur militärischen Expedition des Kommandanten Alberto Bayo, der Ibiza und Mallorca von den Franquisten zurückzuerobern will.

An Bord eines Truppentransporters gelangen die Frauen am 18. August, zwei Tage nach der Landung des Invasionsheeres, nach Mallorca. Angetan mit dem Blaumann der Arbeitermilizen samt dem deutlich sichtbaren Rotkreuzabzeichen auf dem linken Oberarm werden sie im Inselosten ihrer Aufgabe nachgehen, bis sie beim fluchtartigen Rückzug des Expeditionsheeres in der Nacht zum 4. September an ihrem Verbandsplatz dicht hinter der Frontline bei Son Carrió „vergessen” werden. Sie fallen gemeinsam mit einem Krankenpfleger sowie einem Dutzend Verwundeter den Franquisten in die Hände. Die Frauen werden als Gefangene nach Manacor gebracht, dort verhört, von Ärzten gynäkologisch untersucht (dabei wurde festgestellt, dass eine der Krankenschwestern Jungfrau war) und anschließend auf der Plaça Sa Bassa als „Prostituierte” öffentlich zur Schau gestellt, wo sie von einer aufgepeitschten Menschenmenge beschimpft und gedemütigt wurden.

Die Geschichte der „cinco enfermeras”, der fünf Krankenschwestern, ist „eine der abstoßendsten Episoden des Krieges”. Der das sagt, ist der wissenschaftliche Doyen der Geschichtsschreibung auf Mallorca, Josep Massot i Muntaner. Jahrzehnte hindurch war das Schicksal der fünf Frauen ein Tabu-Thema. Erst nach Francos Tod wagten Angehörige zaghaft, sich nach dem Schicksal von zweien der Frauen, den Schwestern Daría und Mercedes Buixadé, zu erkundigen.

Für Historiker begannen in der Folge die einzelnen Puzzleteile plötzlich zusammenzupassen. Zwar war bekannt, dass nach dem Abzug der republikanischen Truppen fünf Frauen hingerichtet worden waren. Doch außer vier Vornamen war lange Zeit nichts über die Opfer in Erfahrung zu bringen gewesen.

Gleichwohl ist die Tätigkeit der fünf Rotkreuzschwestern bestens belegt. Zu verdanken ist dies einem einzigartigen Dokument, das in der wissenschaftlichen Literatur das „Tagebuch der Milizionärin” genannt wird. Die namentlich unbekannte Krankenschwester hielt darin ihre Erlebnisse während der Expedition fest, bis zum Moment ihrer Gefangennahme. Das Tagebuch wurde ihr abgenommen, Conde Rossi steckte es als Souvenir ein, zuvor wurden drei schriftliche Kopien angefertigt.

In dem Werk beschrieb die Krankenschwester sowohl die prekäre Versorgung mit Lebensmitteln als auch die verworrene Kriegslage an der Front, die Nachschubschwierigkeiten, die Attacken der Gegenseite, die wider geltendes Recht die mit der Rot-Kreuz-Fahne beflaggten Lazarette bombardierten. Auch aus ihrer Enttäuschung über die internen politischen Streitigkeiten der einzelnen Miliz-Einheiten machte die anonyme Autorin keinen Hehl.

Zwei Tage waren die Krankenschwestern in der Finca Sa Torre Nova stationiert gewesen, einem stattlichen Anwesen im mallorquinischen Landhausstil an der Landstraße zwischen Son Carrió und Cala Millor gelegen. Hier stand ein Klavier, auf dem zwei der Krankenschwestern die Verwundeten mit etwas Musik aufheiterten. Danach wurden die fünf zu einem Verbandsplatz dicht hinter die Kampflinie bei Son Carrió verlegt.

Die Hinrichtung der Krankenschwestern auf Rossis Befehl, der in Manacor das Kommando über die franquistischen Truppen übernommen hatte, war nicht nur ein grausamer, barbarischer Akt; er war auch ein eklatanter Verstoß gegen die Haager Konvention, die den Schutz von Sanitätspersonal vorschreibt. So sieht es heute Miquel Alenyà Fuster. Der Präsident des Roten Kreuzes auf den Balearen hat vor wenigen Wochen ein Buch veröffentlicht, in dem die Vorkommnisse schonungslos benannt werden. Miquel Alenyà ist nicht irgendwer. Jahrzehntelang war er der höchste Wirtschaftsweise auf den Balearen. Seit seinem Ruhestand engagiert er sich beim Roten Kreuz. Sein Buch, das dem Leser den Schlaf raubt, will er nicht als Abrechnung verstanden wissen. Alenyà will das Geschehene bekannt machen, sein Werk soll den fünf Krankenschwestern als Hommage dienen. (Miquel Alenyà Fuster, Vuit voluntàries i un voluntari de Creu Roja moren a Manacor l’estiu de 1936, Palma 2011, ISBN: 978-84-15076-59-9)

Am Montag, dem 75. Todestag, legten in Son Coletes Privatleute erstmals einen Blumenstrauß mit fünf weißen Rosen nieder, zum Gedenken an die fünf Krankenschwestern.

Nach ihrer Gefangennahme am 4. September wurden die fünf Krankenschwestern zunächst in der Schule von Manacor eingesperrt. In dem dortigen Innenhof entstand die historische Aufnahme, der Fotograf ist unbekannt. Vermutlich wurden die Frauen dort verhört. Am frühen Abend wurden sie von der Schule zum Sa-Bassa-Platz gebracht.

Die Finca Sa Torre Nova, auf halbem Wege zwischen Son Carrió und Cala Millor, diente den Republikanern als Feldlazarett. Hier betreuten die fünf Krankenschwestern zwei Tage lang Verwundete. Zwei der Frauen spielten auf einem Klavier, das in Saal stand, um die Verwundeten aufzumuntern.

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