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Der Promiwirt von Cala Rajada

Cala Rajada in den 1930er Jahren. | Brisas

| Cala Rajada, Capdepera, Mallorca |

Es war nur etwa ein Jahr, in dem Hugo Baruch alias Jack Bilbo sein Lokal in Cala Rajada betrieb. Und dennoch hat sich die "Wikiki-Bar" tief eingebrannt in das kollektive Gedächtnis des einst winzigen Fischerdorfes und heute beliebten Touristenortes im Nordosten Mallorcas - als ein Hort der Zügellosigkeit. Als der mallorquinische Regisseur Antoni Capellà 2015 seinen Dokumentarfilm "El temps s'esmicola" über das Cala Rajada der 1930er Jahre präsentierte, ließ er darin Hochbetagte zu Wort kommen, die erzählten, wie sie als Kinder durch die Ritzen im Sichtschutz des Lokals hindurchspähten, um das ebenso fremdartige wie ausgelassene Treiben der ausländischen Gäste zu beobachten, bis sie von ihren aufgebrachten Eltern weggezerrt wurden.

Die Wikiki-Bar, das zeigen die wenigen erhaltenen Aufnahmen, war ein Freiluft-Café mit Barbetrieb und nachgeordneten Räumen. Das Lokal muss ein magischer Ort gewesen sein, wo Cocktails die Gläser füllten, neuartiger Jazz erklang und ein babylonisches Stimmengewirr vorherrschte. Europäische Auswanderer hatten die Bevölkerungszahl in Cala Rajada in jenen Jahren auf 400 verdoppelt.

Es gibt Fotos, die zeigen die Gäste der Bar angetan mit Blumenketten und Baströckchen, offenbar während eines hawaiianischen Kostümfestes. Baruch selbst schreibt in seinen 1965 veröffentlichten Memoiren "Käpt'n Bilbo. Rebell aus Leidenschaft", dass das Lokal ein "Pariser", ein "holländisches" und ein "Piratenzimmer" aufwies; der Garten sei hingegen ein "Negerdorf" gewesen. Dort hatte Baruch Tierskelette an Pfählen befestigt. Als Tresen für den Ausschank wiederum diente ein Prunksarg. Die Reaktionen der Fischer und Bauern lassen sich nachvollziehen. Baruch schreibt:

Aber die Eingeborenen von Cala Rajada fühlten sich schockiert. Allein schon der Anblick meines Negerdorfes im Garten beunruhigte die Leute. "Dämonen" nannten sie die Skelette an den Pfählen, die Bar war für sie ein brodelnder Höllenpfuhl! Die Fremden - das mussten Wahnsinnige sein!

Wer war jener Hugo Baruch, der in Cala Rajada für Aufsehen sorgte? Der jüdische Emigrant aus Deutschland ist eine der skurrilsten Erscheinungen, die in jener Zeit auf Mallorca von sich reden machten. Geboren 1907 in Berlin als Sohn eines Theaterunternehmers und einer Britin, war der aufsässige Junior mit 14 Jahren von zu Hause ausgerissen und zur See gefahren. Bald verdiente sich der junge Mann sein Geld als Polizeireporter in New York. Wieder zurück in Deutschland, veröffentlicht Baruch 1932 den Roman "Ein Mensch wird Verbrecher, die Aufzeichnungen des Leibgardisten von Al Capone". Das ist der Auftakt der Legende, Baruch habe dem Mafiaboss Chicagos gedient.

Als renitenter Außenseiter, und noch dazu als Jude, ist Baruch den Nazis, die im Januar 1933 an die Macht kommen, ein Dorn im Auge. Nach Haft und Folterung gelingt Baruch die Flucht nach Spanien, wo er im Sommer 1933 auf Mallorca eintrifft. Der erste Eindruck des urbanen Palma ist für ihn wenig berauschend:

Und gleich erlebte ich den ersten Schock: Ich hatte ein Inselparadies erwartet und fand - eine elektrische Straßenbahn!

Doch der deutsche Buchhändler am Borne weiß Rat. Er empfiehlt:

"Fahren Sie doch durchs Land auf die andere Seite der Insel! Bis Arta geht die Bahn, aber weiter draußen - in Cala Rajada - da sind Sie ein freier Mensch."

Kaum in dem Ort, "der nur aus einer Straße bestand", angekommen, erkrankt Baruch an Typhus. Die deutsche Familie Liesegang, die dort bereits fest etabliert ist, pflegt ihn gesund. Um danach wieder zu Geld zu kommen beschließt Baruch, ein Lokal zu eröffnen und es nach einer Pazifikinsel zu benennen. Mit Erfolg:

"Wikiki" blieb nicht lange die Bar von Cala Rajada allein - sie wurde von den Fremden der ganzen Insel besucht. Ich selbst war Cocktailmixer, Ober, Geschirrspüler in einer Person - ich war nahe dran, den Kopf zu verlieren in diesem Gewühl. Jede Nacht bald zweihundert Gäste!"

Das Lokal wurde von Briten, US-Amerikanern, Niederländern, Franzosen und Deutschen bevölkert. Der Promiwirt zog die ungewöhnlichsten Gäste mit den ausgefallensten Trinkgewohnheiten an. Baruch schildert in seinem Buch ein Panoptikum von Inselresidenten, denen in ihrer vielen Freizeit der Sinn vor allem nach exzessiver Party stand: Sie feierten das Leben und sich selbst, während in Europa die politische Lage immer mehr eintrübte. Ein Tanz auf dem Vulkan mit "Jack Bilbo" als Stimmungskanone.

Doch nicht jedem Emigranten schien das Treiben zu behagen. Frank Arnau, ebenfalls vor den Nazis geflohen, war von dem "über und über tätowierten Ungetüm" Baruch nicht begeistert. In seinen Memoiren schreibt Arnau wenig schmeichelhaft:

Jack, ein vehementer Säufer, 200 Pfund schwer, lebte von der verpassten Romantik seines Lebens und schwelgte in Erinnerungen an seine "große Zeit" als Bodyguard Al Capones, den er freilich nie gesehen hatte.

Sicherlich werden diese Zeilen jenem Hugo Baruch nur bedingt gerecht. Denn der Bohemien war in späteren Jahren als Galerist und Künstler erfolgreich, seine rohe, kraftvolle Malerei ist heute bei Sammlern begehrt.

Cala Rajada hielt indes Baruch nicht allzu lange fest. Im Jahresverlauf 1934 siedelte er mit seiner britischen Frau, die er auf Mallorca einem anderen Mann eindrucksvoll ausgespannt hatte, über nach Sitges an die spanische Ostküste, wo er die SOS-Bar eröffnete. Im Spanischen Bürgerkrieg, der 1936 ausbricht, unterstützt Baruch die Anarchisten, später wird er in England interniert, bevor er 1941 in London seine Künstler-Karriere startet. Um 1960 kehrt Baruch in seine Geburtsstadt Berlin zurück, wo er wiederum die Bar "Käpt'n Bilbos Hafenspelunke" betreibt. An 19. Dezember jährte sich sein Todestag zum 50. Mal.

Zurück bleiben, neben Gemälden, Büchern und noch mehr Legenden jene Zeilen, die er einst seiner Zeit in Cala Rajada gewidmet hatte:

Mir kam es allmählich so vor, als wäre Mallorca ein Sammelplatz aller Verrückten der Welt - und auf Mallorca: Cala Rajada - und in Cala Rajada: die Wikiki-Bar!

(aus MM 50/2017)

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