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Demografie

Einbürgerung: Wer auf Mallorca zum Spanier wird– und warum Deutsche kaum dazugehören

Immer mehr Menschen auf den Balearen legen ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft ab: Am häufigsten sind es diese Nationalitäten

2024 beantragten lediglich sieben Bundesbürger auf den Balearen die spanische Staatsbürgerschaft | Foto: Jacqueline Macou / Pixabay

| | Mallorca |

Wer in Palma de Mallorca durch die Altstadt schlendert oder am Wochenende durch die Markthalle Mercat de l’Olivar bummelt, wird kaum darauf kommen, dass hier ein kleiner gesellschaftlicher Umbruch stattfindet. Doch die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Die Balearen verändern sich – und mit ihnen die Zusammensetzung derjenigen, die Spanier werden wollen und es am Ende auch tatsächlich sind.

Lange Zeit galt eine unausgesprochene These: Die meisten neuen Staatsbürger auf Mallorca und Ibiza seien wohl die vielen Deutschen, Italiener oder Briten, die hier ein zweites Zuhause gefunden haben. Falsch gedacht. Laut aktuellen Daten des Nationalen Instituts für Statistik (INE) liegt die häufigste Herkunft von Einbürgerungen 2024 in einem ganz anderen Teil der Welt: Menschen, die ursprünglich in Marokko geboren wurden, führen die Liste mit Abstand an. Mehr als 1600 Marokkaner nahmen im vergangenen Jahr die spanische Staatsbürgerschaft an – ein Plus von über 50 Prozent gegenüber 2014. Diese Gemeinschaft ist vor allem in ländlicheren Gemeinden wie Sa Pobla, Inca und Manacor verwurzelt, und sie ist ein fester Teil der lokalen Arbeitswelt, von der Ernte bis zur Gastronomie.

Von Kolumbien nach Mallorca

Auf dem zweiten Platz der Statistik stehen Kolumbianer – mit knapp 1400 Personen, die 2024 eingebürgert wurden, rund 47 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Viele von ihnen leben in Palma und Orten rund um die Inselhauptstadt, arbeiten im Baugewerbe, im Gastgewerbe oder im Dienstleistungssektor. Sie sprechen oft Spanisch als Alltagssprache, kennen die balearische Realität seit Jahren und sehen in der spanischen Staatsbürgerschaft weniger eine bürokratische Hürde als eine natürliche Fortsetzung ihres Lebens hier.

Noch spektakulärer ist der Zuwachs bei Venezolanern. Waren es 2014 kaum über 80, bekommen 2024 fast 640 von ihnen den spanischen Passeine Steigerung von über 600 Prozent. Betrachtet man die gesamte Dekade, so sind mehr als 1600 Venezolaner auf den Balearen eingebürgert worden. Das hängt eng mit der politischen und wirtschaftlichen Lage in ihrem Herkunftsland zusammen: Nach Jahren des politischen Stillstands unter Nicolás Maduro und der damit verbundenen Wirtschaftskrise suchten viele Venezolaner außerhalb ihres Landes eine Perspektive – und landeten oft in Spanien, nicht zuletzt, weil Sprache und Kultur sehr nahe liegen.

Dass ausgerechnet venezolanische Staatsbürger so stark vertreten sind, hat aber noch einen weiteren Grund: Aufgrund eines bilateralen Abkommens genügt für Menschen aus vielen lateinamerikanischen Staaten ein deutlich kürzerer Aufenthaltszeitraum (oft zwei Jahre), bevor sie die spanische Staatsbürgerschaft beantragen können. Für andere Nationalitäten sind es normalerweise zehn Jahre, plus der Nachweis von Sprach- und Kulturkenntnissen – Hürden, die viele Mitteleuropäer erst einmal überwinden müssten.

Zum Vergleich: 2014 beantragten gerade einmal 19 Bundesbürger auf den Balearen die spanische Nationalität, 2024 waren es sogar nur noch sieben.

Ganz Europa? Nein, andere Globalrealitäten

Insgesamt ist die Zahl der auf den Balearen eingebürgerten Ausländer in den letzten zehn Jahren stark gestiegen: Seit 2014 erhielten mehr als 58000 Menschen die spanische Staatsbürgerschaft – mit einem deutlichen Aufwärtstrend vor allem seit 2017. Allein im Jahr 2024 wurden über 9300 Personen eingebürgert, fast dreimal so viele wie noch sieben Jahre zuvor. Das spiegelt die demografischen und ökonomischen Realitäten der Inseln wider: Tourismus, Bauwirtschaft und Dienstleistungen dominieren den Arbeitsmarkt – und viele dieser Jobs können junge Menschen aus Spanien allein nicht ausfüllen.

Politikwissenschaftler sehen darin keinen Zufall, sondern einen strukturellen Wandel: „Das Phänomen der Einbürgerung ist der letzte Schritt einer fortschreitenden Zuwanderung. Die balearische Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, die Inseln können sie selbst kaum liefern“, erklärt Juliàn Claramunt von der Organisation "Passes Perdudes", auf Deutsch etwa „Verlorene Pässe“ – einer Organisation, die sich mit Migration, Einbürgerung und den sozialen Folgen von Zuwanderung auf den Balearen beschäftigt. Für viele Einwanderer ist der spanische Pass nicht nur ein bürokratischer Abschluss, sondern ein Zeichen von Zugehörigkeit und Zukunft.

Politik und geopolitische Seiteneffekte

Und dann ist da noch die globale Dimension: Einige der Herkunftsländer, aus denen besonders viele Menschen eingebürgert werden, stehen selbst an historischen Scheidewegen. Am spektakulärsten ist der Fall Venezuela: Nicolás Maduro, lange umstrittener Präsident des Landes, wurde Anfang Januar 2026 in einer blitzschnellen Militäroperation durch US-Truppen in Caracas festgenommen und in die USA gebracht, wo er nun wegen Drogen- und Korruptionsvorwürfen vor Gericht steht. Viele internationale Beobachter – auch in Europa – bezeichnen den Einsatz als historischen Präzedenzfall und als ein geopolitisches Erdbeben, das über die Grenzen Südamerikas hinaus wirkt.

Für Venezolaner, die längst außerhalb ihrer Heimat ein neues Leben aufgebaut haben, hat dieser Bruch eine doppelte Bedeutung: Er macht deutlich, wie brüchig der Zustand ihres Herkunftslandes geworden ist, und er verstärkt den Wunsch, rechtlich und kulturell in einem stabileren Umfeld Fuß zu fassen.

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