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Verarmt und einsam: So kämpfte sich eine Mallorca-Deutsche nach dem Tod ihres Mannes zurück ins Leben

Mittellos und ohne Arbeit lebte die 64-Jährige am Existenzminimum und war tief in die Altersarmut gerutscht. MM hat sie ihre Geschichte erzählt und wo sie Hilfe fand

Katja lebt mit ihren Tieren auf einer kleinen Finca auf Mallorca, nach dem Tod ihres Mannes konnte sie sich kaum Essen und Feuerholz leisten | Foto: Anja Marks

| Mallorca |

Heute hat die Mallorca-Residentin Katja (vollständiger Name der Redaktion bekannt) einen guten Tag. Die Sonne scheint, es ist auch im Haus nicht zu kalt, die Hunde gucken neugierig über die Terrassenmauer und der Besuch bringt frisches Gebäck zum Tee. Aber Katjas Tage sind nicht immer so, denn die 
64-jährige Deutsche ist durch Krankheit und den Tod ihres Mannes vor acht Jahren in eine schlimme Notlage geraten. Mittellos und ohne Arbeit lebte sie am Existenzminimum, nur ihre Familie in Deutschland griff ihr ab und zu mit etwas Geld unter die Arme.

Ein typischer Fall von Alters
armut auf Mallorca, einer Insel, die bei vielen für Urlaub, Sonne, Lebensfreude steht. „Wir sind über einige Ecken auf diesen Fall aufmerksam geworden”, erzählt Christina Rehfeldt. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Stiftung „herztat”, als sogenannte „Patin”, die sich um bedürftige deutschsprachige Menschen auf Mallorca kümmert. „Genau solche Fälle haben dazu geführt, dass ‚herztat’ vor neun Jahren gegründet wurde”, erzählt Rehfeldt.

Hilfe für bedürftige und vereinsamte deutsche Senioren

Das Ausmaß an Not oder Einsamkeit bei deutschsprachigen Senioren auf Mallorca erkannte erstmals Heike Stijohann, damals Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde auf den Balearen. Zusammen mit Stiftungsgründer Roland Werner rief sie das Projekt ins Leben, das bedürftige oder vereinsamte Seniorinnen und Senioren auf Mallorca mithilfe aller Art unterstützt.

„Es kann hier so schnell geschehen, dass ältere Menschen in finanzielle, und damit oft lebensbedrohliche Situationen geraten, oder dass sie einfach nur vereinsamen, weil sie niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert”, weiß Christina Rehfeld. Besonders wenn ein Ehepartner stirbt, eine Rente zu klein ist oder vielleicht gar nicht existiert, und dann noch eigene Krankheit, Sprachprobleme oder Behördenärger dazukommen, seien viele überfordert. Dann gebe es hier eben kein soziales Netz oder Familie, die die ausgewanderten Deutschen auffangen könnten.

„Genau hier können wir aber ansetzen”, sagt Stiftungsgründer Roland Werner, dem es im Laufe der Jahre gelungen ist, eine beachtliche Anzahl an freiwilligen Helfern zu mobilisieren. Und er ist Katja besonders dankbar, dass sie bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen, in der Hoffnung, dass sich dadurch mehr alte Menschen trauen, bei „herztat” um Hilfe zu bitten.

Betreut wurde Katja von ihrer "herztat"-Patin Christina Rehfeld. Foto: Anja Marks

Denn Katjas Geschichte ist sicherlich kein Einzelfall. 1992 kamen sie und ihr Partner Rainer als Besitzer einer kleinen Ferienanlage nach Mallorca. „Wir wollten sie eigentlich nur ein Jahr lang betreuen, aber dann wurde es uns zu viel und wir haben nach und nach die sieben kleinen Bungalows verkauft”. Sie beschlossen, auf Mallorca zu bleiben und gründeten einen Airport-Parkservice zu einer Zeit, als es noch wenig Konkurrenz gab. Das Geschäft lief gut, sie kauften sich eine kleine Finca und arbeiteten rund um die Uhr. Rücklagen gab es kaum, über Altersvorsorge machten sie sich noch keine Gedanken.

Dann kam der Schicksalsschlag: 2017 wurde Rainer krank, und 2018 – nur acht Monate nach der Diagnose – starb er. „Ich habe ihn all die Monate zu Hause gepflegt, und erst dann habe ich erkannt, in welcher Lage ich war, finanziell und körperlich”, sagt Katja heute. Das Geschäft hatten sie abgegeben, und erst kurz vor dem Tod des Mannes hatten sie geheiratet. Von da an war die Ehefrau zumindest im spanischen Gesundheitssystem Seguridad Social integriert, aber die Ehe war zu kurz, um Witwenrente beziehen zu können – und plötzlich stand Katja mittellos und ohne Arbeit da.

„Meine Familie in Deutschland hat mir zum Glück immer wieder geholfen, aber es reichte natürlich nicht zum Leben.” Dann verschlimmerte sich die Situation auf der Finca: Nicht genügend Strom, weil Solarpaneele und Batterien kaputtgingen, kein Kühlschrank, keine Wasserlieferungen, keine Heizung, kein Geld für Kaminholz oder Reparaturen, das Haus fing an zu verfallen und das Essen war sowieso immer knapp.

Lebensmittel, Ofen, Reifen

Im vergangenen Jahr trat dann die „herztat”-Patin auf den Plan. „Wir konnten hier innerhalb eines knappen Jahres schon viel organisieren”, erzählt Christina Rehfeld. Die Eventmanagerin und Mutter von vier Kindern – die außer Katja noch zwei weitere Seniorinnen betreut – bekam dabei nicht nur Unterstützung von ihrem Mann, sondern auch vom Lions-Club Mallorca, mit dessen Spenden sie Katja helfen konnten. „Sie haben mir Lebensmittel gebracht, mich bei zeitaufwändigen Arztbesuchen begleitet und mich auch mal finanziell unterstützt, wenn nichts mehr da war.” Ein kleiner Ofen für das Wohnzimmer wurde angeschafft, gebrauchte Reifen für Katjas Auto organisiert, das anschließend für sie über den TÜV gebracht wurde, sodass sie seit Jahren erstmals wieder mobil ist.

„Wir haben ihr Kaminholz besorgt, warme Kleidung, und einen kleinen Generator für den notwendigsten Strom. Für einen Kühlschrank reicht dieser aber nicht, und eine Lösung für die kaputte Solaranlage haben wir noch nicht”, sagt Rehfeld. Ebenso wenig für die bedrohlichen Risse in den Mauern der Finca. Immerhin hätten sie Katjas Zisterne mit einer Traktor-Ladung Wasser füllen können, denn die normalen Wasserlieferanten weigerten sich, den schmalen Weg zur Finca zu befahren.

Dabei fiel es Katja am Anfang sehr schwer, all diese Hilfe auch anzunehmen. „Man fühlt sich ja irgendwie noch hilfloser, und schämt sich auch, wenn man plötzlich auf Essensspenden oder Unterstützung für Wasser und Strom angewiesen ist”, sagt sie. Aber sie sei „herztat” heute unendlich dankbar für alles. „Sie tun so viel für mich, und Christina ist mir so ans Herz gewachsen. Ich hoffe, meine Geschichte bringt auch andere Menschen in Not dazu, sich bei dieser hilfsbereiten Stiftung zu melden.” Die Lösung, wieder nach Deutschland zurückzukehren, und dort Sozialhilfe zu beantragen, lehnt die zierliche Frau rigoros ab. „Ich möchte weder meiner Familie noch sonst irgendjemandem zur Last fallen. Egal was passiert, ich bleibe hier in meinem Haus.” Kontakt zu der Stiftung "herztat" finden Betroffene und Interessierte auf www.herztat.de, E-Mail (mallorca@herztat.de) oder telefonisch unter +34 634041668.

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