Am Rand des protestantischen Feldes auf dem Friedhof von Sóller, dort, wo der Schatten der Zypressen schmal über den Kies wandert, steht ein Grabstein, der kaum nach Mallorca zu gehören scheint. Weiß, hoch, fast filigran. Eine schlichte lateinische Kreuzform. Darunter ein Name, der klingt, als habe ihn der Atlantik herübergeweht: John H. Whyte. Pennsylvania steht darauf, und eine Abkürzung, die für Uneingeweihte wie ein Code wirkt: PVT. 133 M.G.B.N. 37 DIV.
Wer jedoch die Sprache der Militärfriedhöfe kennt, kann sie lesen. "Private", einfacher Soldat. 135. Maschinengewehr-Bataillon der 37. Division. Frankreich. Erster Weltkrieg. Die Gravur erinnert an die endlosen Reihen identischer Steine in den eindrucksvollen Militärfriedhöfen in Arlington, Virginia. Nur dass dieser hier nicht in Amerika steht, sondern in einem mallorquinischen Tal, zwischen Orangenhainen und Tramuntana-Bergen.
Über Umwege auf die Insel
John H. Whyte wurde 1887 in Carlisle im Vereinigten Königreich, geboren. Ein halbes Jahr später war er bereits Emigrant. Seine Familie ging in die Vereinigten Staaten, und aus dem englischen Säugling wurde ein Amerikaner. Er studierte an der Drexel University in Philadelphia, später an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts. Er wollte malen. Farben mischen, Licht einfangen, Gesichter und Landschaften festhalten. Es war keine brotlose Fantasie, sondern eine ernsthafte Berufung.
Dann kam der Krieg. 1918 kämpfte Whyte in Frankreich, mit 31 Jahren. Maschinengewehr-Bataillon. Schlamm, Granatsplitter, Gas. Er verlor seinen rechten Arm. Man kann sich vorstellen, was das für einen Maler bedeutet. Das Ende, könnte man denken. Aber Whyte lernte, mit links zu malen. Gegen jede Wahrscheinlichkeit. Vielleicht aus Trotz, vielleicht aus Notwendigkeit. In den 1930er-Jahren ging er noch einmal nach Paris, in die Stadt der Ateliers und Akademien. Er wollte besser werden, trotz allem. Vielleicht auch gerade deshalb.
Irgendwann führte der Weg nach Süden
Und irgendwann führte ihn sein Weg weiter nach Süden, auf diese Insel im Mittelmeer. Nach Sóller. Warum gerade dorthin? War es das Licht, das Maler seit jeher magisch anzieht? Die Nähe zu Frankreich? Oder einfach ein Zufall?
Whyte wohnte in einem Hotel nahe dem Bahnhof. Zwei Jahre blieb er. Er malte die Häuser des Dorfs, die schroffen Linien des Tramuntana-Gebirges, das weiche, staubige Grün der Orangenbäume, das flirrende Blau des Meeres. Seine Bilder – die meisten heute im Besitz seiner Familie in den USA – tragen dieses mediterrane Leuchten in sich, das schwer zu beschreiben ist und doch sofort erkannt wird.
Plötzlicher Tod 1933
1933, Whyte war 46 Jahre alt, starb er plötzlich in seinem Hotelzimmer. Ein Telegramm im „Philadelphia Inquirer“ spekulierte, die alten Kriegsverletzungen könnten eine Rolle gespielt haben. Andere sprachen von einem Herzinfarkt oder einer Lungenentzündung. Gewiss ist nur: Sein Leben endete fern der Heimat, in einem Tal, das nicht das seine gewesen war und es vielleicht doch geworden war.
Whyte hatte Elizabeth Catherine Greene geheiratet, mit ihr eine Tochter, Elsie Jane. Seine Familie blieb in Amerika. Er blieb auf Mallorca. Und er entschied – oder seine Angehörigen entschieden es für ihn –, dass er als amerikanischer Soldat bestattet werden sollte. Deshalb steht dort heute dieser weiße Stein, eigens aus den Vereinigten Staaten nach Sóller gebracht. Eine kleine, präzise Kopie der großen militärischen Erinnerungskultur Amerikas, verpflanzt in mallorquinische Erde.
Zwischen den schlichten, überwiegend katholischen Grabstätten wirkt Whytes Grab wie ein Fremdkörper – und zugleich wie eine Brücke. Zwischen Kontinenten, zwischen Krieg und Kunst, zwischen Verlust und Beharrlichkeit. Ein amerikanischer Soldat, der mit der linken Hand weiter malte. Und dessen letzte Ruhe nicht in Arlington liegt, sondern in Sóller.