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Klang- und Schattenwelten in der Lonja

Mit "Sombras" schafft Christian Boltanski eine raumfüllende Installation

Das Schattentheater des französischen Künstlers Christian Boltanski erinnert an den mittelalterlichen Totentanz. Fotos: Joan Torres

| Llotja de Palma, Mallorca |

Das ist seit Mitte Januar das angesagteste Kunstereignis auf Mallorca: Die Licht-, Schatten- und Klangwelten von Christian Boltanski in der Lonja in Palma. Mit "Sombras" (spanisch: Schatten) schafft Christian Boltanski eine raumfüllende Installation.

Er wolle den Geist der gotischen Architektur aufgreifen, hatte Boltanski im Vorfeld der von der Galería Kewenig organisierten Ausstellung gesagt. Dass dies nicht selbstverständlich sei, zeigten die beiden letzten in der Lonja organisierten Ausstellungen von Tony Cragg und Jan Fabre. Ihre Arbeiten hätten genauso gut woanders stehen können. Oder wären gar woanders besser gestanden. Boltanskis Installation dagegen nimmt den Raum in sich auf, schafft eine Collage mit dem Raum. Chapeau, Monsieur Boltanski! MM sprach mit dem Künstler:

Mallorca Magazin: Herr Boltanski, worum geht es in Ihrer Ausstellung „Sombra“ in der Lonja?

Christian Boltanski: Es handelt sich um eine sehr alte und zugleich um eine neue Installation. Wissen Sie, wenn mich jemand um eine Ausstellung bittet, öffne ich meinen geistigen Kühlschrank und schaue, welchen Inhalt ich nutzen kann. Mit der Lonja war es schwierig, weil man in die Wände keinen Nagel schlagen darf. Sie ist ein sehr schöner und alter Ort, und ich mag dort keine weißen Paneele wie in einem Museum verwenden. Gerade an einem Ort wie der Lonja muss man dessen Geist erfassen.

MM: Was ist der Geist dieses Ortes?

Boltanski: Die Lonja ist ein Gebäude aus dem Mittelalter und lässt mich an die damalige Tradition des Totentanzes denken. Im Grunde handelt es sich bei der Installation um zwei Stücke. Eines davon ist ein Klangstück aus den 90er Jahren. Es besteht aus einer automatischen Zeitansage, wie man sie vom Telefon her kennt. Das ist unerträglich und schrecklich, weil man sieht, dass die Zeit nicht aufgehalten werden kann, sondern dass Sie uns anhält. Ich habe diese Arbeit an verschiedenen Orten gemacht und kann sagen, dass die Museumswächter stets nach drei Tagen die Ansage abgeschaltet haben. Am Klang kann es nicht gelegen haben, denn die Stimme ist ziemlich leise. Sondern es liegt daran zu wissen, dass wir irgendwann sterben werden. Und ich dachte, dass es gut wäre, das Klangstück zu dem Totentanz zu haben.

MM: Wie sehr ist „Sombra“ an die Lonja angepasst?

Boltanski: Wenn ich eine Ausstellung mache, gehe ich immer davon aus, wo ich bin. Die Lonja ist ein offener Ort. Eine Menge Leute, auch Kinder, kommen hier herein und wissen nicht, was sie dort sehen werden. Und ich hoffe, dass sie ergriffen sein werden wie von einem Märchen. Ich wollte eine Collage mit dem Raum machen und zugleich etwas schaffen, das die Leute verstehen können. Ich glaube, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene darüber staunen können, ohne sich zu erschrecken. In gewisser Weise sehen sie ja liebenswürdige und nicht furchterregende Geister. Ich habe immer gesagt, dass diese Arbeit die fröhlichste meines Lebens ist. Und in diesemFall handelt es sich um das größte Schattentheater, das ich je gemacht habe.

MM: Wie gehen Sie dabei technisch vor?

Boltanski: Zuerst schneide ich kleine Figuren aus Kupfer aus. In zwei Monaten habe ich um die 60 kleine Figuren gemacht. Das habe ich gerne gemacht, denn diese Figuren sind wie Zeichnungen. Dann mache ich die Komposition an der Wand. Meine einzige Regel dabei ist, nicht zu viel Kupfer zu verbrauchen. Wenn ich also nur ein kleines Stück zur Verfügung habe, muss ich dafür eine Gestalt, eine Form finden. Alle Figuren sind neu. Das Schattenstück ist für mich eine sehr liebliche, die Zeitmaschine dagegen eine sehr harte Arbeit.

MM: Verweist Ihr Schattentheater auch auf des Höhlengleichnis von Platon, bei dem die Höhlenbewohner nicht das Urbild, sondern nur sein Abbild wahrnehmen?

Boltanski: Ja, sicher. Wissen Sie, Schatten haben viele Bedeutungen. Für mich haben sie auch viel mit Trugbildern zu tun. Im 19. Jahrhundert gab es im Pariser Kabarett „Le Chat Noir“ eine ganze Tradition von Schattentheater, und für mich steht meine Arbeit in dieser Tradition. Meine Ausstellung im Musée d’Orsay in Paris war denn auch eine Hommage an „Le Chat Noir“. Ebenso verweist „Sombra“ auf die Tradition der Laterna magica. Und das Schöne ist, dass die Schatten ganz gegenwärtig sind, im Licht aber innerhalb von einer Sekunde verschwinden.

MM: Kaum ein Künstler beschäftigt sich so sehr mit der Zeit und dem Tod, obwohl sie doch mit die bestimmendsten Dinge im Leben sind.

Boltanski: Vielleicht gibt es zwei Arten von Künstlern. Die einen beschäftigen sich mehr mit Fragen der Kunst und künstlerischer Formen, die anderen mehr mit Fragen des Lebens. Und ich wäre heute wohl Rabbiner in der Ukraine oder indianischer Schamane, wenn ich nicht in Paris geboren worden wäre. Dass ich Künstler bin, ist Zufall. Aber meine Fragen sind die gleichen, die ein Schamane in der Wüste stellt. Und das sind menschliche Fragen. Im Unterschied zu einem Priester hat der Künstler aber keine Antworten. Wenn einem etwas verschlossen ist, sucht man nach dem Schlüssel, egal ob man nun Indianer, Theologe oder Künstler ist. Ich suche auch nach Schlüsseln.

MM:Was bewirkt Kunst, wenn der Künstler keine Antworten hat?

Boltanski: Als Künstler stellt man Fragen und vermittelt Emotionen. Ich glaube allerdings, dass man als Künstler eine Sprache verwenden muss, die jeder verstehen kann. Wir können nur über etwas sprechen, das der andere kennt. Bei meiner ersten großen Ausstellung in Japan sagten die Leute: „Ihre Kunst ist so japanisch, Sie kennen offenbar die Zen-Philosophie sehr gut. Sie sehen auch ein bisschen japanisch aus. Ihr Vater muss Japaner gewesen sein“. Das hat mich gefreut. Ich glaube, ein Künstler muss versuchen, universal zu sein.

MM: Wie haben Sie als Künstler aus Paris das Attentat auf „Charlie Hebdo“ erlebt?

Boltanski: Das war sehr traurig. Denn die Leute von „Charlie Hebdo“ waren wirklich Franzosen. Das bedeutet Frauen, Wein und Spaß. Das ist der Unterschied zwischen Deutschen und Franzosen. In Deutschland spricht man nach dem Essen über Philosophie, in Frankreich dagegen über Sex, Alkohol und Spaß. Über philosophische Dinge zu sprechen, wäre unhöflich. Aus diesem Grund waren diese Leute für mich wirklich Franzosen. Und sie haben niemandem etwas zuleide getan, sondern nur Witze gemacht. Es ist trotz aller Trauer gut zu sehen, dass nun so viele Menschen auf die Straße gegangen sind. Die Leute müssen an etwas glauben, und sie glauben an die Republik. Das große Problem ist: Mit einer Utopie sind wir richtig gefährlich, aber ohne sie glauben wir nur an die Mode und sind niemand. Wir brauchen eine Utopie, aber eine wie „Charlie“: Sex, Spaß und Trinken.

MM: Erlauben Sie mir eine letzte Frage ...

Boltanski: ... kennen Sie diesen Witz? Sagt jemand: Ich habe eine Antwort, haben Sie eine Frage?

Die Fragen stellte Martin Breuninger.

INFO
Die Installation "Sombras" dauert bis 20. Februar.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 18 bis 22 Uhr
La Lonja, Plaça de la Llotja, Palma

(Interview aus MM 3/2015)

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