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500-jährige Tradition des Gitarrenbaus

Antonio Morales mit einer seiner Gitarren: Die drei kreisrunden Einkerbungen am Kopf sind das äußerliche Erkennungsmerkmal. | Patricia Lozano

| Palma de Mallorca |

Die Ständer sind staubig, die Gitarren auf ihnen blank geputzt: Wer die Werkstatt von Antonio Morales betritt, erblickt an einer Wand auf einem Sockel eine Kollektion von Gitarren. "Mein kleines Museum" nennt er sie. Es sind Instrumente, die er im Lauf der Zeit gesammelt hat und die auf Mallorca gefertigt wurden, das älteste stammt von 1813. Dazu gesellen sich eine Zither aus Mittenwald, eine Bouzouki, eine Mandoline, ein Banjo, eine Balalaika.

Dass die meisten seiner Instrumente von der Insel stammen, ist kein Zufall. Morales führt auf Mallorca eine gut 500-jährige Tradition des Gitarrenbaus fort. Das äußerlich sichtbare Kennzeichen einer Morales-Gitarre ist ihr Kopf mit drei kreisrunden Einkerbungen. Für solch ein Instrument kommen Musiker aus Skandinavien und Deutschland, Frankreich und Großbritannien, Kanada und den USA in seine Werkstatt, die im Carrer Hort de Torrella Nummer 13 in Palmas Viertel Pere Garau liegt.

Auf die Frage nach den Preisen seiner Gitarren antwortet er mit einem feinen Lächeln: "Darüber möchte ich nicht sprechen und auch nicht über die Namen der Gitarristen, das ist mir zu sensationalistisch." Nicht vermeiden lässt sich dies jedoch bei Paco de Lucía. Auch der berühmte Flamenco-Gitarrist schwor auf die Kunst des Gitarreros. Die letzten Jahre seines Lebens arbeiteten der Musiker und der Gitarrenbauer eng zusammen.

Morales gibt eine kleine Kostprobe. Er zeigt eine Gitarre, die nach Vorgaben von dem Gitarrengott gebaut wurde. Er verweist auf die tiefe E-Saite: Sie klingt dunkel und geschmeidig und lässt sich butterweich mit dem Daumen schlagen. "In seinen letzten Jahren mochte Paco de Lucia Gitarren, die leicht zu spielen waren", erzählt er. Zum Vergleich reicht er ein anderes Instrument: Sein Klang ist hell und transparent, die Saiten sind härter zu zupfen. Morales kommentiert: "Diese Gitarre eignet sich gut, um Gesang zu begleiten."

Hinter einer Trennwand voller Zeitungsausschnitte beginnt Morales' eigentliches Reich mit großem Tisch und einer Werkbank: Hier entstehen seine Instrumente. Noch von einer Inspektion stapeln sich alte Hölzer. Seit diesem Jahr dürfen Gitarren aus Palisanderholz nur noch mit Genehmigung aus Europa ausgeführt werden. Deshalb überzeugte sich ein Inspektor, dass Morales noch über alte Bestände verfügt. Manches Holz stammt noch aus den Beständen seines Lehrers und wurde in den 50er Jahren geschlagen: "Je älter und durchgetrockneter das Holz, desto besser der Klang", erklärt er.

Geboren wurde Morales nicht auf Mallorca, sondern in Monesterio, einem Dorf im Süden der Extremadura. "Ich habe schon immer mit Holz gearbeitet", erzählt er. Bereits als Grundschüler ging er nach dem Unterricht in die Werkstatt, bevor er mit 15 Jahren nach Mallorca kam. Sein Onkel hatte hier eine Schreinerei, und der junge Antonio trat in seine Fußstapfen, führte viele Jahre seine eigene Möbeltischlerei.

Vielleicht wäre es dabei geblieben, hätte er nicht George Bowden kennengelernt. Der gebürtige New Yorker, der 2003 in Palma starb, verbrachte einen großen Teil seines Lebens als Gitarrenbauer auf Mallorca. "Vom ersten Moment an übertrug er mir seine Leidenschaft für die Gitarre", erinnert sich Morales, der bis heute respektvoll "mi maestro", sagt, wenn er von Bowden spricht. Von ihm lernte er alles über Frequenzen, Proportionen, über die Dichte und die Widerstandskraft von Holz und vieles mehr. All dies ergänzte er im Lauf der Jahre mit eigener Erfahrung.

Und durch seine Zusammenarbeit mit Paco de Lucía. Sie sei ein große Meilenstein in seiner Laufbahn gewesen, sagt er. Ein Freund hatte den Kontakt hergestellt, weil der Flamenco-Musiker für die Türen seines Hauses in Establiments die Expertise eines Schreiners benötigte. Erst beim dritten Treffen meinte der Maestro, er habe gehört, dass Morales auch Gitarren baue, und wollte wissen, wie sie klingen. "Nicht so schlecht", erwidertes Morales, und de Lucía forderte ihn auf, beim nächsten Mal eine Gitarre mitzubringen.

Es war der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis zum 25. Februar 2014 dauerte. An diesem Tag erlag der Gitarrist auf einer Tournee einem Herzinfarkt. Sein letzter Gitarrenbauer gewesen zu sein, sei eine Ehre, erfülle ihn aber zugleich mit Traurigkeit, sagt Morales deshalb.

Das Zusammenspiel von Musiker und Instrumentenbauer war eine Herausforderung: "Es war aber auch sehr angenehm mit ihm zu arbeiten, weil er genau wusste, was er wollte, aber einen herausforderte, ohne Druck auszuüben. Er sagte mir immer: Dir wird schon etwas einfallen", erzählt Morales und fügt hinzu: "Am Ende wusste ich genau, was er erwartete."

Nicht als Auftragsarbeit, sondern als Quintessenz dieser Jahre baute Morales für de Lucía ein Instrument, das als "La Maestro" bekannt wurde. Der Meister hat sie nicht mehr spielen können. Er starb, bevor sie fertiggestellt war. Nach seinem Tod ging das Instrument für einen Dokumentarfilm auf Reisen nach Amerika, um des 70. Geburtstags des Gitarristen zu gedenken. Verschiedene Musiker, darunter Tomatito, Carlinhos Brown und der spanischen Songwriter Alejandro Sanz spielten "La Maestro" zu Ehren des Meisters. Heute befindet sich das Instrument im Besitz von Sanz, den mit de Lucía eine enge Freundschaft verband.

Posthum erschien das Album "Canción Andaluza". Diese CD spielte de Lucía auch mit Instrumenten von Morales ein. Und so findet man den Namen "Tony Morales" auf dem CD-Cover in einer Reihe mit anderen großen Gitarrenbauern wie den Brüdern Conde, Lester Devoe und Pepe Romero.

(aus MM 1/2017)

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