Noch vor zweieinhalb Jahren haben Schwarz-Weiß und zahlreiche Grautöne die Bilder der mallorquinischen Künstlerin Sarah Pipkin geprägt. Heute sind es farbenfrohe, sinnlich anmutende Motive, die sie mit Acryl und Spachtel oder wahlweise mit Sprays auf Leinwand bannt: Paare, innige Begegnungen, zwei junge Frauen, die Wange an Wange zärtlich aneinanderliegen.
Diese drastische Wendung hat ihren Ursprung in einem tiefgreifenden inneren wie äußeren Wandel. Es ist die Geschichte eines emotionalen Prozesses ebenso wie einer Genesung und körperlichen Veränderung, wie die junge Frau selbst erklärt. Im Mai 2023 wurde bei der heute 34-Jährigen im Rahmen einer Routineuntersuchung Brustkrebs diagnostiziert. Es folgte ein kräftezehrender Ärzte-Marathon mit zahlreichen Chemotherapien sowie ein kompletter Lebenswandel. Jetzt endlich, nach dieser entbehrungsreichen Zeit, erhielt sie die Diagnose „geheilt”.
Beim MM-Gespräch in ihrer Wohnung in Santa Ponça gewährt sie Einblicke in einen kleinen Raum, in dem Dutzende ihrer Bilder lagern, und holt etliche davon – mit lebensgroßen, sinnlichen Gestalten – für die Fotografin auf den Balkon. Die Sonne strahlt an diesem winterlichen Morgen, doch sind bereits Vögel zu hören, die den nahenden Frühling ankündigen. Sarah Pipkin ringt mit den Tränen, als sie von ihrer Heilungsgeschichte erzählt. Nichtsdestotrotz wirkt die schlanke Frau wiedererkräftet und trägt erneut schulterlange Haare. „Damals hatte ich die schockierende Diagnose bekommen und mit der Chemotherapie angefangen. Alles war grau. Ich habe eine Serie von Selbstporträts gemalt, nur bis zur Hälfte des Gesichts, ohne Augen, ohne Haare. Es war wie eine Anklage. Viele Krebspatientinnen verlieren durch die Therapie ihre Haare, ihre Augenbrauen und somit ein Stück ihrer Identität”, sagt sie.
Genau dieses Gefühl wollte die Künstlerin mit Pinsel und Spachtel auf die Leinwand bringen, erinnert sie sich. Immer wieder musste sie zu Behandlungen in Krankenhäuser in Palma, alle zwanzig Tage flog sie zu Ärzten in die Privatklinik Clínica Universidad de Navarra in Madrid. „Im September habe ich die Chemotherapie beendet. Es war sehr intensiv. Zusätzlich hatte ich eine Mastektomie – mir wurde eine Brust amputiert. Insgesamt habe ich drei Operationen hinter mir.”
Familienmitglieder waren ihre Schutzengel
Pipkin erkannte in dieser schweren, dunklen Zeit aber vor allem, wie wichtig ein stabiles, persönliches Umfeld ist. „Meine Schutzengel waren mein Partner, meine Eltern und meine zwei älteren Brüder. Nach der Chemotherapie musste ich oft nachts in die Notaufnahme. Alleine hätte ich das niemals geschafft.”
Doch es ging um viel mehr als nur um die Rückkehr zur Gesundheit. Es ging für die Spanierin darum, sich endlich wieder wie eine Frau zu fühlen und nicht wie eine kranke Patientin. „Ich fühlte mich weniger weiblich … ohne Haare und ohne eine Brust. Doch mein Freund sagte mir immer wieder, wie schön ich für ihn bin. Er lud mich zum Essen ein, nahm mich mit auf Reisen.” Das habe Pipkin geholfen, sich nicht selbst zu verlieren. „Auch wenn die Diagnose ‚ohne Befund’ lautet, bleibt die Angst bestehen. Alle sechs Monate muss ich mich einem kompletten Gesundheits-Check-up unterziehen.” Ein weiteres Fundament ihrer Genesung war auch ihre Lebensumstellung um 180 Grad. Morgens joggt Pipkin eine Runde im Park, danach gibt es grünen Tee mit Honig. Zigaretten und Alkohol sind tabu, zudem verzichtet sie auf Zucker. „Die Ärzte schreiben mir 145 Minuten intensiven Sport pro Woche vor. Er muss schweißtreibend sein, nur Yoga oder Pilates reicht nicht.”
Gesunder Lebensstil
Das habe positive Auswirkungen auf ihr Immunsystem, das dann weniger anfällig für Krankheiten sei, fügt sie hinzu. Vor ihrer Krankheit war die Insulanerin, die in jungen Jahren an der University of London Finanz- und Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, als Projektmanagerin bei einem Touristikunternehmen tätig. „Ich hatte viel Stress, habe mich schlecht ernährt, kaum Sport gemacht. Heute hingegen ist mein Körper mein Tempel.” Vor rund zehn Monaten hat Pipkin die Kraft gefunden, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. „Ich arbeite im Homeoffice bei einer Touristikfirma mit Sitz auf Mallorca im Accounting. Die Tätigkeit ist ruhiger als früher, und ich kann besser auf mich achten.”
Um Frauen in einer ähnlichen Situation, wie Pipkin sie früher erlebt hat, zu helfen, malte sie jüngst eine Serie von 20 Gemälden, die sie im Rahmen einer Charity-Aktion im Mai verkaufen möchte. „Etwa 50 Prozent des Erlöses sollen an Organisationen gehen, die sich dem Kampf gegen Brustkrebs verschrieben haben. Das ist mein Beitrag, etwas zurückzugeben.” Der aggressive Brustkrebs habe sie auch innerlich verändert: „Ich bin empathischer mit anderen und dankbarer. Doch wir leben alle nur einmal und sollten uns mehr trauen, lachen und reisen.”