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Traditionsbar Bosch auf Mallorca wird 90: Warum der Hummer hier ein Brötchen ist

Neun Jahrzehnte Stadtgeschichte, unzählige geriebene Tomaten, dampfender Kaffee und täglich Hunderte knusprig getoastete Brötchen. Deutsche Urlauber lieben diesen Ort

So sah die Bar Bosch früher einmal aus | Foto: Archiv

| Palma, Mallorca |

Neun Jahrzehnte Stadtgeschichte, unzählige geriebene Tomaten, dampfender Kaffee und täglich Hunderte knusprig getoastete Brötchen: Die Bar Bosch im Herzen von Palma de Mallorca feiert Geburtstag – und ist dabei bis heute das geblieben, was sie immer war: Treffpunkt, Institution und ein Stück gelebte Inselidentität. Die spanischsprachige MM-Schwesterzeitung Ultima Hora widmet der bei Hunderttausenden deutschen Urlaubern beliebten Eckbar an diesem Sonntag einen ausführlichen Artikel.

Eine volle Auslage: Bild aus einer Zeit, in der sich die Theke noch auf der anderen Seite des Gastraums befand.

Am 15. Februar 1936, nur wenige Monate vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, öffnete das Lokal erstmals seine Türen. Zeitgenössische Berichte lobten damals die "moderne Einrichtung" und den "erlesenen Geschmack" des neuen Etablissements. Zur Eröffnung ließ Besitzer Jaime Bosch Gebäck und edle Weine reichen und stieß mit zahlreichen Gästen auf eine erfolgreiche Zukunft an. Dass daraus einmal eine mallorquinische Legende werden würde, ahnte damals wohl niemand.

Die Erfindung der "Llagosta"

Und dann ist da natürlich noch die ganz eigene Spezialität des Hauses. "Hier wurde die Llagosta erfunden", sagt Onofre Flexas senior mit hörbarem Stolz. Gemeinsam mit seinen Söhnen Onofre junior und Carlos führt er heute die Geschicke der Traditionsbar. Die Geschichte des berühmten Brötchens, das kurioserweise "Hummer" (llagosta) heißt, kennt auf Mallorca fast jeder – und doch kursieren zwei Versionen.

Zwei Versionen der Geschichte

Die sachliche Erklärung: Anders als in anderen Bars wurde das typische palmesaner Llonguet-Brötchen hier mit geriebener Tomate bestrichen und anschließend getoastet. Dadurch erhielt es einen rötlich-rosanen Farbton – ähnlich dem eines Hummers. So entstand die "Llagosta", der Hummer des kleinen Mannes.

Die romantischere Variante erzählt von einem Gast, der nach dem günstigsten Sandwich fragte. Ein Kellner mit trockenem Humor soll daraufhin gerufen haben: "Macht diesem Herrn einen Hummer!" Das Resultat schmeckte so gut, dass bald eine Variante mit Käse folgte – und damit war eine kulinarische Ikone Palmas geboren, die fortan schlicht "Hummer" genannt wurde.

Heute gehen im Schnitt bis zu 600 dieser Brötchen täglich über die Theke. Das Brot liefern verschiedene Inselbäckereien, die Ramallet-Tomaten stammen von lokalen Genossenschaften. Und als das Llonguet in Palma vielerorts von den Speisekarten verschwand, blieb die Bar Bosch standhaft. "Wir waren der Widerstand", sagen die Flexas augenzwinkernd. Tatsächlich gilt das Lokal als einer der Wegbereiter für die spätere Renaissance des traditionellen Brötchens in der Inselhauptstadt.

Treffpunkt der Stadt

Die Lage nahe dem Passeig des Borne und in unmittelbarer Nähe des Theaters machte die Bar Bosch früh zum Anziehungspunkt für Künstler, Schauspieler und Nachtschwärmer. Nach den Vorstellungen füllte sich die Terrasse, es wurde gegessen, diskutiert und bis tief in die Nacht gefeiert. Früher war bis drei Uhr morgens geöffnet. "Heute ist Palma nach Mitternacht oft wie ausgestorben", sagt Onofre Flexas senior.

Zahlreiche prominente Gäste nahmen hier Platz: Schauspieler, Musiker, Adelige. Doch neben bekannten Namen sind es vor allem die vielen Stammgäste, die das Lokal prägen. "Heute kommen Kinder, Enkel und sogar Urenkel von Menschen, die ich noch persönlich kannte", erzählt der Wirt.

Onofre Flexas (M.) mit seinen Sóhnen Onofre Jr. (r.) un Carlos.

Zwischen Tradition und Moderne

Stillstand war für die Bar Bosch nie eine Option. Neben der klassischen Llagosta stehen inzwischen auch Varianten mit Lachs und Avocado auf der Karte, Austern sind besonders bei internationalen Gästen gefragt. Gleichzeitig wurde erweitert und renoviert, zudem entstand ein kleines Stadthotel in unmittelbarer Nähe.

Kaufangebote für die Kneipe habe es viele gegeben. Doch für Onofre Flexas ist klar: "Solange ich lebe, wird das 'Bosch' nicht verkauft." Seine Söhne nehmen es mit Humor und behaupten, er liebe das Lokal mehr als die Familie. Er lächelt und widerspricht: "„Zuerst kommen natürlich die Kinder und Enkel. Aber ich liebe die Bar Bosch sehr."

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