Es ist etwa 20 Grad warm an diesem Freitagmorgen um 10.30 Uhr im Küstenort Colònia de Sant Jordi im Süden Mallorcas. Eine frische Brise zieht vom Meer herüber, begleitet vom Kreischen der Möwen. Wer einen feinen Geruchssinn hat, nimmt die salzige Note des Mittelmeers wahr, die sich mit dem charakteristischen Duft der nahegelegenen Salinen vermischt.
Auf einer Terrasse findet heute ein besonderer Kochworkshop statt: Die aus dem Fernsehen bekannte Köchin Haya Molcho hat das Bikini Island & Mountain Hotel Es Trenc kurzerhand in ein mobiles Kochstudio verwandelt. Rund 15 Teilnehmer sind dabei, viele eigens aus Österreich, Deutschland und der Schweiz angereist, um an diesem Gastro-Workshop teilzunehmen. Nach dem Händewaschen bekommt jeder eine gelbe Schürze umgebunden. Es folgt eine kurze Vorstellungsrunde, und dann geht es auch schon los.
Haya Molcho ist bestens gelaunt. Sie leitet diesen eintägigen Kurs, schlüpft dabei in die Rolle einer Chefköchin sowie Entertainerin und wirkt dabei fast wie eine Lebensphilosophin. Neben der anschaulichen Zubereitung von Gerichten mit orientalischen, jüdischen und auch italienischen Einflüssen gibt es immer wieder kleine Anekdoten aus dem Küchenalltag. Das Koch-Event mit seinem lebendigen, familiären Charakter trägt den Titel "Spirit des Balagan". Dazu erklärt Molcho: "Das Wort Balagan stammt zwar möglicherweise aus dem Polnischen, doch sein jüdischer Ursprung ist unverkennbar. Es bedeutet im Hebräischen so viel wie 'sympathisches Chaos' und gehört in Israel zu den meistverwendeten Begriffen."
"Balagan" ist hebräisch und bedeutet "Chaos" oder "Durcheinander"
Der mehrstündige Kochworkshop entwickelt rasch seine ganz eigene Dynamik. Es wird mit den Händen gearbeitet, ausprobiert, geknetet und abgeschmeckt – oft mit vollem Körpereinsatz. Haya Molcho wird dabei von einem ihrer jungen Chefköche, Tobias Oppitz aus Wien, unterstützt, der die Teilnehmenden ebenfalls durch einzelne Arbeitsschritte begleitet.
Haya Molcho wirkt wie eine Zauberkünstlerin, die scheinbar mühelos mit Rezepten, Anweisungen und Sprüchen jongliert und damit für Heiterkeit und Gelassenheit unter den Teilnehmern sorgt. Dabei fallen Sätze wie: "Teig braucht Geduld, und das habe ich von ihm fürs Leben gelernt" oder auch: "Nutella ist Mist, daher haben meine Kinder nur Tahin bekommen".
Auf dem Tagesplan steht die Zubereitung einer Focaccia – dem ligurischen Fladenbrot aus Hefeteig –, einer aus Sesamkörnern gerösteten Tahin-Paste, eines orientalischen Bulgursalats sowie eines Wolfsbarschs in Tomatensauce. Ein wichtiger Bestandteil zwischen den aktiven Kocheinheiten ist das gemeinsame Essen und Verkosten der im Ofen oder am Herd zubereiteten Speisen am Tisch, bevor es wieder zurück ans Schneidebrett und den Küchenmessern geht.
Dem MM-Redakteur fallen dabei ebenfalls Aufgaben zu, etwa saftige Mallorca-Tomaten zu pellen oder Knoblauch zu schneiden. Später gibt es als "göttliches Desser" Engelshaar mit Pistazien-Taboulé auf Labneh-Basis (Knafeh). Molcho erklärt dazu: "Nicht nur auf Mallorca, sondern in vielen mediterranen Kulturen spielt Essen eine riesige Rolle im sozialen Leben. Großfamilien kommen zusammen und alle helfen mit." Im Gegensatz zu diesem "Sharing"-Prinzip des gemeinsamen Teilens von Speisen gebe es in Deutschland und Österreich eher das Motto "mein Teller, dein Teller", wodurch der soziale Aspekt des gemeinsamen Essensgenusses teilweise verloren gehe.
Auch ihr Mann, Samy Molcho, der bekannte österreichisch-israelische Pantomime und Autor, ist beim Workshop anwesend. Seine Rolle ist dabei jedoch eher passiver Natur. Mit stoischer Gelassenheit beobachtet er die Teilnehmer beim Schnibbeln und Zubereiten der Gerichte von einem Sessel auf der Terrasse aus. "Die Küche ist nicht mein Platz, aber ich esse sehr gerne. Ich habe kein Problem damit, Geschirr abzuwaschen oder sogar sauber zu machen. Aber das Kochen, das ist ihr Gebiet", erklärt der mittlerweile 89-jährige Experte für Körpersprache schmunzelnd.
Samy und Haya Molcho lernten sich 1973 kennen. Die Köchin begleitete damals den weltbekannten Pantomimen auf seinen Reisen und sagte:"Ich war in unzähligen Küchen, habe überall mitgekocht, gelernt und beobachtet. Meine Küche ist deshalb eine Weltküche – inspiriert von Indien, Japan, China, Marokko und anderen Orten", erzählt sie voller Enthusiasmus.
Die heute 71-jährige Haya Molcho wurde in Tel Aviv geboren, hat rumänische Wurzeln und wuchs in Deutschland auf, wo sie später Psychologie studierte. Heute lebt sie in Klosterneuburg nahe Wien in Niederösterreich und betreibt 13 NENI-Restaurants mit levantinischer Küche in sieben verschiedenen Ländern. Durch ihre Teilnahme an verschiedenen TV-Shows wie "Kitchen Impossible" oder „Grill den Henssler" wurde die charismatische Starköchin einem breiteren Publikum bekannt. Dennoch betont sie: "Der Erfolg kommt nicht durch Fernsehauftritte. Fernsehen kann zwar unterstützend sein, doch entscheidend ist die tägliche Arbeit." Dabei helfe ihr auch ihr früheres Psychologie-Studium, wie sie erklärt: "Ich habe über 600 Mitarbeiter. Psychologie hilft mir, Menschen zu verstehen, zuzuhören und zu fühlen. Das ist im Team genauso wichtig wie in der Küche."
Während des Workshops im Bikini-Hotel Es Trenc, zwischen dem Jonglieren mit Aufgaben und dem Anleiten der einzelnen Arbeitsschritte, spricht sie auch über ihr nächstes Buch. Im September soll ihr neues, stark autobiografisch geprägtes Werk mit dem Titel „Erinnerungen, die schmecken” erscheinen. Der Name ihres gastronomischen Familienunternehmens NENI setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen ihrer Söhne zusamme (Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan). "Einer unserer Jungs ist Schauspieler in Hollywood. Die anderen drei sind im Gastro-Business aktiv und unterstützen uns als CEO, im Social Media Bereich sowie im Marketing und Franchise", erklärt Molcho.