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Viel Kritik an Palmas Plaça Major

Auf Palmas Plaça Major ist meistens viel los. | P. Lozano

| Palma, Mallorca |

Schauen Sie sich doch mal um! Dieser Platz ist doch total heruntergekommen, schmuddelig und völlig verwahrlost", sagt die Ladenbesitzerin, die wegen dieser deutlichen Aussagen ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. "Was die Stadt hier veranstaltet, ist ein Witz. Die Plaça Major ist doch eigentlich ein Schmuckstück, eine Perle, aber man hat sie total verrotten lassen." Die wütende Dame in den Sechzigern verkauft Textilien, und der Eingang zu ihrem Geschäft befindet sich direkt an Palmas zentralem Platz. Einem Platz, der architektonisch eigentlich ziemlich pittoresk ist und doch irgendwie ungepflegt daherkommt.

"Ich meine, alleine die Lokale, die sich hier befinden. In anderen spanischen Städten wie Salamanca, Madrid oder Barcelona haben sich an Plaças wie dieser feine Restaurants und schöne Bars angesiedelt, hier hingegen würde ich in so manch einem Laden lieber nichts essen. Das ist doch billigstes Niveau." Dabei stört die Geschäftsfrau vor allem die Tatsache, dass kaum traditionelles Essen über die Theken gereicht wird. "Da gibt es Pasta und Pizza, alles aufgewärmt, aber die Touristen wollen das so, und die Terrassen sind ja meistens voll."

Und tatsächlich, auch Tobias González, der am anderen Ende des Platzes die Tapas-Bar "Señor García" betreibt, gibt zu: "Auch wir haben unsere Karte im Laufe der Zeit erweitert." Er habe gemerkt, dass viele Urlauber, die sich auf der Plaça niederlassen, lieber Altbekanntes wie eben eine Pizza zu sich nehmen. "Eigentlich sind wir mit dem Konzept gestartet, hier feine spanische Tapas zu verkaufen, um so auch Einheimische anzulocken." Mit dem Geschäft ist González zufrieden, auch wenn er die ursprüngliche Idee etwas abwandeln musste. Und auch vor seinem Lokal steht, wie vor vielen anderen auf dem Platz, ein Mitarbeiter, der versucht, Touristen anzulocken.

"Ich finde das schrecklich", sagt Urlauberin Kirsten aus Hannover. "Dieser Platz ist doch eigentlich schön, aber die Lokale gefallen mir überhaupt nicht." Und auch ihr Mann pflichtet ihr bei. Ihn stören ganz besonders die vielen bunten Schilder und Plakate, auf denen das Essen angeboten wird. "Und das sind ja nicht mal typische Speisen. Also ehe ich hier essen gehe, kann ich auch gleich in Hannover bleiben", findet er.

Dass sich an der bisweilen "schmuddeligen Perle" die Geister scheiden, wird bei einem Blick auf die Außenterrassen deutlich. Sie sind mittags voll, und das lange bevor der Sommer begonnen hat. In den Untergrund hingegen wagen sich nur wenige. Die meisten Urlauber wissen gar nicht, dass sich unter der Plaça Major ein großes Einkaufszentrum befindet. Ein Ensemble von Läden, in dem das Shopping-Erlebnis aber eher von trauriger Natur ist. Nicht wenige suchen aufgrund der Atmosphäre und der Optik in dem Komplex nach der abfahrenden U-Bahn.

"Es ist ein Trauerspiel", erklärt Eulalia Roig, die einen von mehreren Koffer-Läden im Untergrund betreibt und das Tageslicht nur selten sieht. "Immer weniger Touristen verirren sich hier in dieses Loch", erklärt die freundliche ältere Dame, und ihre eigene Wortwahl entlockt ihr ein Lächeln. "Und die, die kommen, kaufen nichts." Die "Qualität" der Urlauber habe nämlich eher abgenommen. "Früher haben Kreuzfahrt-Touristen hier Taschen gekauft, heute geben sie kaum noch Geld aus in der Stadt, nicht einmal für Kleinkram." Die "All-inclusive-Mentalität", glaubt Roig, wirke sich nicht nur auf das Ess- und Trinkverhalten aus, sie führe auch dazu, dass Urlauber weniger Geld in Geschäften lassen. Auch das ein Grund, weshalb sie ihr Geschäft aufgeben wird. "Ich gehe nicht in Rente", merkt sie nachdrücklich an, "ich gebe auf!"

Etwas positiver sieht ein anderer Händler die Situation, der in der Haupthalle der Galerie Souvenirs verkauft. "Ein paar Euro geben die Besucher dann doch immer aus", meint er. Trotzdem hat er das Geschäft bereits auf seine Tochter überschrieben. "Auch ich gehe dann", sagt er. Beiden macht die ungewisse Zukunft sorgen. "Wenn die Konzession in zwei Jahren ausläuft und die Mall von der privaten Betreiberfirma an die Stadt zurückfällt, wissen wir nicht, was passiert. Man sagt uns, man untersuche die Lage." Das Problem: In exakt zwei Jahren wird auf regionaler Ebene neu gewählt. "Und dann kommt sowieso wieder alles anders", sagt Roig. "Die PP will die Dinge so, die Sozialisten so. Wir wissen gar nichts."

Auch die Stadt Palma selbst kann oder will keine weitergehenden Informationen geben: "Ja, die Konzession für die Einkaufsgalerie und das Parkhaus läuft 2019 aus und die Stadt übernimmt. Konkrete Pläne gibt es aber noch keine", so ein Pressesprecher. Die Ladenbesitzer rechnen damit, dass entweder das Parkhaus auf Kosten des Einkaufszentrums erweitert wird, oder dass eine große Kaufhauskette die gesamte Mall pachtet und renoviert. Ob sich dann auch etwas am überirdischen Bild des Platzes ändern wird?

Die Anwohner zumindest würde es freuen. Ihnen ist vor allem die Anwesenheit der Straßenmusikanten ein Dorn im Auge. Konkrete Forderungen gibt es derzeit aber außer vonseiten der "Vecinos" und Geschäftstreibenden kaum, nicht einmal von ARCA, dem Verein der Altstadtbewahrer. "Die Plaça Major ist nicht der Ort im historischen Stadtkern, der uns am meisten Sorgen bereitet", so ARCA-Chef Xavier Terrasa. "Die Verteilung der Terrassen ist ordentlich und stört die Passanten nicht beim Gang über den Platz." Gleichzeitig merkt Terrasa aber an, dass sich über die Ästhetik streiten lässt. "Diese Sonnenschutzplanen sind sicherlich nicht besonders schön, und auch einige Begrenzungen der Cafés und Bars sind hässlich." Zudem, so Terrasa, störe man sich daran, dass die Metallkonstruktionen nachts einfach angekettet auf dem Platz stehen bleiben. "Eigentlich müssten sie irgendwo untergestellt werden." Druck auf die Stadt ausüben will man aber nicht. "Anderswo wird unsere Arbeit dringender gebraucht."

Doch nicht nur auf der Plaça Major, auch an der daneben befindlichen Treppe, die den Platz mit dem darunterliegenden Theater verbindet, und über die täglich Tausende Residenten und Urlauber den Aufstieg in die Oberstadt bewältigen, weiß eigentlich niemand so genau, wie es weitergeht. Der Großteil der Buden-Besitzer, die dort einst Souvenirs und allerlei bunten Kram verkauften, wurden in den vergangenen Jahren enteignet. Lediglich eine Handvoll Shops hat noch geöffnet. "Es ist traurig, was aus diesem Ort geworden ist", sagt Tolo Umbert, der gemeinsam mit seiner Frau Joana auch weiterhin allerhand Kitsch an den Mann zu bringen versucht. "Profitiert haben wir von der Schließung der Nachbarn nicht", sagt er. Noch könne man sich über Wasser halten, aber was die Stadt in Zukunft mit dem Aufgang vor hat, weiß keiner.

"Es gibt keine konkreten Pläne", heißt es auch hier vonseiten der städtischen Pressestelle. Man untersuche alle Möglichkeiten. Die Baufälligkeit des Vordaches, unter dem sich die meisten der budenartigen Verkaufsläden befunden hatten, hätte die Schließungen aber notwendig gemacht, betont man im Rathaus mit Nachdruck. Die Umberts und einige Kollegen am unteren Ende der Treppe durften bleiben. Ihre Läden befinden sich im Untergeschoss von Wohnhäusern und nicht unter dem maroden Dach.

Dass es in naher Zukunft auf, neben oder unter der Plaça Major zu tief greifenden Änderungen kommt, ist also unwahrscheinlich. Die Schwarzafrikaner werden weiterhin unter den Augen der Polizei Taschen feilbieten, und die sonnenhungrigen Deutschen werden sich wie gewohnt zur Straßenmusik und dem Mimenspiel der Künstler in den Lokalen niederlassen. Und so bleibt die Plaça Major vorerst das, was sie ist: eine etwas verwahrloste Schönheit.

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