Das Mittelmeer ist krank, und rund um Mallorca und den Nachbarinseln zeigt sich das "Fieber" am deutlichsten. Über 30 Grad warmes Wasser – was für Poolbesitzer nach angenehm temperiert klingt, ist für das Meer ein ökologischer Hitzeschock. Das einst "blaue Paradies" erwärmt sich damit 20 Prozent schneller als der globale Durchschnitt.
"Die Daten sind eindeutig, es geht nicht um Bauchgefühl oder Schlagzeilen", erklärt die mallorquinische Ozeanographin Gádor Muntaner im Interview mit mallorcadiario.com. Und sie erinnert: "Das Mittelmeer war einmal eines der artenreichsten Meere der Erde – heute ist es das am stärksten verschmutzte." Unter der Oberfläche stirbt die Lunge des "Mare Nostrum": die Posidonia-Seegraswiesen. Ohne sie verlieren die Strände ihren natürlichen Schutz, der Sand rutscht ins Meer. Am Ende könnte beispielsweise die Playa de Palma verschwinden.
Fischer im falschen Film
Auch die Netze der Fischer erzählen Geschichten von einem Meer im Umbruch. Früher Doraden, heute Doktorfische aus den Tropen. Mehr als die Hälfte der klassischen Speisefische gilt im Mittelmeer bereits als überfischt – und nun schwächt die Hitze ihre letzte Widerstandskraft. "Unsere Netze sind voll, aber oft mit Arten, die niemand kaufen will", klagt ein Fischer aus Port d’Andratx.
Besonders absurd: Quallen. Sie blühen inzwischen extrem früh. "Die Artenvielfalt ist in Gefahr, aber auch die "blaue Wirtschaft", von der Tausende auf den Inseln leben", sagt ein Branchenvertreter. Hinter dem nüchternen Satz steckt die schlichte Wahrheit: Wenn es so weitergeht, steht nicht nur der Thunfisch auf der roten Liste ....
Vom Schutz zum Notarzt
Jahrzehntelang beschränkte sich die Politik auf Sonntagsreden über den "Schutz" der Meere. Heute klingt das wie Pflaster auf einem gebrochenen Bein. "Das Blaue ist genauso wichtig wie das Grüne", mahnt Muntaner. Und: "Wenn mir das Meer etwas gelehrt hat, dann seine Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren – aber nur, wenn wir ihm Raum und Zeit geben." Doch genau diese Zeit läuft ab. Deshalb sprechen Wissenschaftler von Regeneration: zerstörte Lebensräume aktiv neu anlegen, Seegras zurückpflanzen, Korallen stützen, Küstenräume umbauen. Das Schlagwort lautet nicht länger Nachhaltigkeit, sondern Heilung. Die Idee ist radikal: Der Mensch soll nicht nur weniger zerstören, sondern dem Meer etwas zurückgeben.
Mallorca als Versuchslabor
Trotzdem wird experimentiert. Organisationen wie Underwater Gardens International (UGI) versuchen, das Meer neu zu erfinden. Gründer Marc García-Durán sagt: "Was unter dem Meer geschieht, ist nicht unsichtbar – es ist nur außer Fokus. Wir brauchen Innovation, Zusammenarbeit und eine langfristige Vision." UGI setzt auf künstliche Riffe, biotechnologische Werkzeuge, Kohlenstoff-schluckende Seegrasgärten – und immersive Bildungsräume, in denen Kinder lernen sollen, dass das Meer nicht nur eine Kulisse für Instagram-Fotos ist.
Die Balearen eignen sich dafür perfekt: exzellente Forschung, eine sensibilisierte Gesellschaft – und die nackte Angst, dass der Tourismus ohne sauberes Wasser in sich zusammenfällt. Pilotprojekte zur Wiederherstellung von Seegras oder neue Meeresschutzgebiete sind nur der Anfang. Für Muntaner bleibt das Meer auch persönlich ein Gradmesser: "Seit meiner Kindheit habe ich gelernt, das Meer zu betrachten. Und verstanden, dass seine Gesundheit auch unsere Gesundheit ist."