Folgen Sie uns F Y T I R

Deutscher Konsul Wolfgang Engstler auf Mallorca: Die Wahrheit über Kriminalität, Ballermann und deutsche Touristen

Der deutsche Diplomat gibt Einblicke in seine Arbeit auf Mallorca, erklärt die häufigsten Notfälle deutscher Touristen und berichtet über Sicherheit, Verbrechen und die Partyszene an der Playa de Palma

Wolfgang Engstler ist seit Mitte Mai 2021 deutscher Konsul auf Mallorca | Foto: Patricia Lozano

| Mallorca |

Mallorca Magazin: Herr Engstler, beim Tag der Deutschen Einheit im Restaurant Joy Palace des Universal Hotels Neptuno an der Playa de Palma haben Sie erwähnt, dass Ihr Haupteinsatzgebiet der sogenannte "Ballermann" ist. Gibt es dort besondere Vorfälle, die Sie uns erzählen können? Kommt es dort häufig zu Delikten, die von Deutschen begangen werden, oder sind Deutsche eher Opfer von Kriminalität in jener Gegend?
Wolfgang Engstler: Dieser kleine Strandabschnitt um den Balneario 6, der sogenannte "Ballermann", ist für viele Deutsche Inbegriff für den Mallorca-Urlaub. Er nimmt nicht nur in der Berichterstattung zu Mallorca in den deutschen Medien einen vergleichsweise großen Raum ein, sondern in der Tat auch in unserer täglichen konsularischen Arbeit. Es ist zwar nur eine Minderheit, die dort ihren Urlaub verbringt, aber es wird dort viel gefeiert und Alkohol konsumiert und dann kommt es eben immer wieder mal zu unschönen Vorfällen, die viel mediale Aufmerksamkeit erregen. Das sind jedoch Einzelfälle und das betrifft nur einen kleinen Teil. Angesichts der großen Zahl an feierwütigen deutschen Touristen ist die Zahl der Delikte verhältnismäßig gering. Wo viele Urlauber zusammenkommen, finden sich auf der anderen Seite auch Taschendiebe ein, wovon dann deutsche Touristen betroffen sind. Bei Passverlust ermöglicht das Konsulat an Wochentagen durch Ausstellung eines sogenannten Reiseausweises zur Rückkehr zahlreichen Touristen oft noch einen Rückflug am selben Tag. Besonders in der Sommersaison macht das einen beträchtlichen Teil der Arbeit des Konsulats aus.

Der Konsul im MM-Gespräch: Mitte 2026 wird er die Insel eigenen Angaben nach verlassen, da er an einen neuen Dienstort versetzt wird. (Foto: PL)

MM: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen deutschsprachigen Institutionen oder den balearischen Behörden? Zum Beispiel bei Gefängnisbesuchen?
Engstler: Wir haben eine sehr vertrauensvolle und gute Zusammenarbeit mit den balearischen Institutionen und Behörden. Wir bekommen beispielsweise kurzfristig Genehmigungen für Gefängnisbesuche, wenn dies von den Inhaftierten gewünscht wird. Ganz hervorragend arbeiten wir mit dem deutschsprachigen ökumenischen Gefängnisbesuchsdienst zusammen, bestehend aus Mitgliedern der deutschsprachigen evangelischen und katholischen Gemeinde. Wenn wir dann einen Besuch machen, erkundigen wir uns, wie es den Inhaftierten geht, ob sie fair behandelt werden, ob sie Zugang zu medizinischer Versorgung haben und ob Kontakt zur Familie ermöglicht wird.

MM: Haben Sie als Konsul Einfluss auf Gerichtsverfahren oder können Sie die spanischen Behörden bei Haftfällen unterstützen?
Engstler: Wir erleben immer wieder Inhaftierte, die eine völlig falsche Vorstellung davon haben, was das deutsche Konsulat für sie bewirken kann. Es ist eben nicht so, dass wir irgendwo anrufen und dann öffnet sich die Zellentür. Wir können niemanden „aus dem Gefängnis befreien” oder in ein laufendes Strafverfahren eingreifen. Andere Staaten akzeptieren keine Eingriffe in ihre Strafverfahren und damit in ihre inneren Angelegenheiten. Oft bleibt daher nur der Einsatz für bessere Haftbedingungen und die Vermittlung eines Rechtsbeistands. Glücklicherweise: In einem EU-Land wie Spanien gibt es vernünftige Haftbedingungen und rechtsstaatliche Verfahren. Also keine Extremfälle.

MM: Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines Konsuls auf Mallorca aus?
Engstler: Beim morgendlichen Kaffee werden zuerst die Nachrichten, auch die auf ganz Spanien bezogene Presseschau der Botschaft und die E-Mails gelesen, um informiert und auf besondere Vorfälle vorbereitet zu sein. Dann haben wir beispielsweise zu unterschiedlichen Themen regelmäßige Skype- Runden mit dem Auswärtigen Amt, der Botschaft Madrid und unseren anderen Konsulaten in Spanien. Die Hauptaufgaben des Konsulats und meines Teams liegen in den konsularischen Dienstleistungen. Dazu gehören unter anderem Passanträge, Namenserklärungen, Geburtsanzeigen, Beglaubigungen und Beurkundungen. Ich selbst nehme viele Veranstaltungen und Treffen außer Haus wahr, zum Beispiel mit den Institutionen der Balearen-Regierung, des Militärs, der Polizei, der Stadt Palma und natürlich auch an den zahlreichen spanischen Feiertagen, viele davon auch abends und am Wochenende.

Der deutsche Konsul auf Mallorca, Wolfgang Engstler, neben Peter Maffay vor seiner Rede im Joy Palace anlässlich des Tags der Deutschen Einheit. (Foto: PL)

MM: Und während Weihnachten oder Silvester?
Engstler: Das Konsulat ist nur an den Feiertagen geschlossen, ansonsten haben wir auch zwischen Weihnachten und Silvester geöffnet und normalen Besucherverkehr. In besonderen Notfällen sind wir aber auch an den Feiertagen über den Bereitschaftsdienst erreichbar. Weihnachten haben wir zusammen mit der Familie in Palma verbracht.

MM: Ist das Deutsche Konsulat eigentlich auch am Wochenende erreichbar?
Engstler: Außerhalb der Öffnungszeiten ist das deutsche Konsulat in dringenden Notfällen über einen telefonischen Bereitschaftsdienst zu erreichen. Dieser kann jedoch nur vorrangig Hilfe zur Selbsthilfe leisten kann. Er ist häufig von Entscheidungen oder Informationen deutscher oder spanischer Behörden abhängig, die außerhalb der üblichen Öffnungszeiten meist nicht erreichbar sind. Das schränkt die Hilfsmöglichkeiten des Bereitschaftsdienstes ein. Unter der Woche können wir aber viele Fälle noch am selben Tag bearbeiten.

MM: Wie viele Mitarbeiter gibt es im Konsulat und was passiert, wenn jemand als Tourist bestohlen wird oder die Dokumente abhanden kommen?
Engstler: Wir sind derzeit elf Beschäftigte, vier entsandte Diplomaten und sieben Lokalbeschäftigte. Alle Informationen bei Verlust oder Diebstahl eines Ausweises finden Sie auf unserer Homepage. Ein kleiner Tipp: Nach einem Ausweisverlust akzeptieren erfahrungsgemäß die meisten Fluggesellschaften ersatzweise die Vorlage einer polizeilichen Passverlustanzeige gegebenenfalls in Verbindung mit einem Foto oder Kopie des verlorenen Ausweisdokumentes als Identitätsnachweis für die Rückreise nach Deutschland. Daher sollten Sie immer eine Kopie oder ein Foto des Ausweises getrennt aufbewahren.

MM: Sie sind seit 2021 hier im Amt. Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen vier Jahren entwickelt? Besonders im Hinblick auf Sicherheit und Kriminalität auf der Insel?
Engstler: Der Start zu Covid-Zeiten war besonders. Da ging es weniger um Kriminalität, als vielmehr um die Problematik der Impfungen sowie die Unterbringung von positiv getesteten Urlaubern in einem Corona- Hotel, in dem diese ihre Quarantäne verbringen konnten, sofern sie keine andere Unterbringungsmöglichkeit hatten. Es gab "SOS-Plakate" wegen fehlender Touristen, jetzt liest man "SOS-Residents" wegen des Massentourismus. Was Sicherheit und Kriminalität anbelangt, war und ist Mallorca ein absolut sicheres Reiseziel. Die Polizeipräsenz wurde in diesem Jahr an der Playa de Palma und anderen Touristen- Hotspots nochmals erhöht, es gab mehr Kontrollen und Überwachung. Mein Eindruck ist, dass dadurch die Kleinkriminalität zurückgegangen ist und es beispielsweise weniger Taschendiebstähle gab.

MM: In Bezug auf diese von Ihnen genannten Antitourismus-Proteste wird der Eindruck vermittelt, dass sich Deutsche auf der Insel nicht mehr willkommen geheißen fühlen. Wie sehen Sie das?
Engstler: Dies kann ich so nicht bestätigen. Ich glaube nicht, dass die geringere Anzahl deutscher Touristen in diesem Jahr allein auf die Anti-Tourismus- Proteste zurückzuführen ist. Vielleicht in Einzelfällen. Viele Touristen zeigen Verständnis für die schwierige Situation der Einheimischen, die unter steigenden Mietpreisen und Wohnungsleiden. Ich denke, der Grund für den Rückgang deutscher Touristen sind die höheren Preise, verbunden mit der derzeitigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Möglicherweise ist auch die erste Reise-Euphorie nach der Covid-Pandemie vorbei.

MM: Wie bewerten Sie das Problem der Altersarmut bei deutschen Residenten? Viele Senioren sehen sich mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Dazu gehören Sprachbarrieren, bürokratische Hürden bei der Beantragung von Renten …
Engstler: Ich halte es für sehr wichtig, dass diejenigen, die hier dauerhaft leben möchten, sich frühzeitig informieren, was hier auf sie zukommt. Das umfasst die Renten, die Sozialversicherung und mögliche Leistungen im Notfall. Es erleichtert vieles, wenn man Spanisch lernt, um mit den Behörden kommunizieren zu können. Wer auf Dauer hier lebt, muss wissen, dass im Notfall die spanischen Sozialbehörden zuständig werden und nicht mehr die deutschen.

MM: Oftmals entsteht der Eindruck, viele deutsche Bürger würden zu blauäugig oder unbedacht auf die Insel ziehen. Wie sehen Sie das?
Engstler: Das sonnige Wetter, das Meer und die schöne Landschaft sind natürlich sehr verlockend. Da besteht schnell die Gefahr, beispielsweise die Lebenshaltungskosten oder den Arbeitsmarkt falsch einzuschätzen. Die Löhne hier fallen wesentlich niedriger aus und auch die Sozialleistungen sind andere. So mancher idealisiert das Leben auf Mallorca und merkt dann erst vor Ort, wo die Probleme liegen, wie etwa der derzeit knappe Wohnungsmarkt und die hohen Mietpreise.

MM: Auf deutschen Veranstaltungen wirkt die deutschsprachige Community sehr vernetzt, gleichzeitig gibt es aber eine Art unsichtbare Wand zur spanischen Bevölkerung. Entsteht hier eine Parallelgesellschaft?
Engstler: Ich erlebe schon eine Art Parallelgesellschaft zwischen der deutschen und der mallorquinischen Community. Beide Seiten bleiben gerne unter sich. Mein Ziel als Konsul war und ist es, Deutsche und Mallorquiner näher zusammenzubringen. Das gelingt am besten durch kulturelle Veranstaltungen, durch gemeinsame Begegnungen, die ein Schlüssel zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses sind.

MM: Wie empfinden Sie die Stimmung zwischen Deutschen und Einheimischen?
Engstler: Nach meinem Eindruck funktioniert das Zusammenleben zwischen Deutschen und Mallorquinern weitgehend reibungslos und ist ein gutes Beispiel für ein Europa, das näher zusammenkommt. Das spricht für gegenseitige Toleranz, Respekt und Wertschätzung. Allerdings kann der Zuzug von Deutschen, aber auch von anderen wohlhabenden Ländern zu Verdrängungseffekten führen. Gerade mit Blick auf die Wohnungsnot muss man schauen, dass die einheimische Bevölkerung und der soziale Zusammenhalt möglichst wenig darunter leiden.

Konsularische Präsenz eines "ganz guten Teams": Das Archivfoto zeigt den Diplomaten Wolfgang Engstler mit seiner Ehefrau Elisabeth. (Foto: MM)

MM: Ihre Frau Elisabeth unterstützt Sie ebenfalls, insbesondere bei kulturellen Veranstaltungen.
Engstler: Ich denke, wir sind ein ganz gutes Team. Meine Frau unterstützt mich nicht nur bei Veranstaltungen und Einladungen, die Rolle und der Anteil der Ehepartnerin wird hierbei leider oft unterschätzt. Immens wertvoll sind ihre beruflichen Kontakte in die Künstlerszene, womit sie hochkarätige Künstler zu unseren Feiern zum Tag der deutschen Einheit locken konnte.

MM: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen Konsuln?
Engstler: Das konsularische Korps umfasst inzwischen über vierzig Mitglieder, wobei es sich zum Großteil um Honorarkonsulate handelt. Länder mit jeweils großem Bevölkerungsanteil auf der Insel wie zum Beispiel Marokko, Kolumbien oder Argentinien sind jedoch ebenfalls mit Berufskonsulaten vertreten. Die Zusammenarbeit mit den Konsuln der Schweiz und Österreich ist natürlich sehr eng. Darüber hinaus gibt es regelmäßig sogenannte „Runde Tische” der Mitglieder des Konsularischen Korps mit der balearischen Regierung zu unterschiedlichen Themen. Dabei werden auch konkrete konsularische Anliegen an die Inselregierung herangetragen.

MM: Inwiefern haben Sie sich in den vergangenen Jahren an die spanische Lebensweise angepasst?
Engstler: Wir genießen sehr die spanische Essenskultur und haben uns auch an die späteren Essenzeiten schnell angepasst. Essen hat hier einfach einen weitaus höheren Stellenwert als etwa in Deutschland. Auf der anderen Seite versuche ich mich noch daran zu gewöhnen, dass beim Autofahren Blinker setzen bei Spurwechsel oder im Kreisverkehr eher ungern gemacht wird, dafür man aber umso lieber mit der Warnblinkanlage in zweiten Reihe stehen bleibt. Es hupt aber niemand, das zeigt die Gelassenheit der Mallorquiner. Davon konnte ich hoffentlich ein bisschen was übernehmen.

MM: Gibt es schon Pläne für Ihren nächsten Einsatz?
Engstler: Wir werden voraussichtlich im Sommer 2026 die Insel verlassen, es gibt hierzu aber noch nichts Spruchreifes zu vermelden. Unsere Tendenz ist, zunächst zurück nach Berlin in das Auswärtige Amt zu gehen. Das hätte den Vorteil, dass für meine Frau, die ja freiberuflich als Regisseurin im Musical- und Theaterbereich tätig ist, die Pendelei nach Deutschland wegfallen würde. Aber mal schauen, beim Auswärtigen Amt muss man ja immer auf eine Überraschung gefasst sein.

MM: Bereits Ihre Vorgängerin, Konsulin Karin Köller, hatte über einen Umzug des Konsulats vom Standort Porto Pi an den "Borne" gesprochen. Wann wird es nun konkret?
Engstler: Im diesem neuen Jahr 2026 wird es soweit sein. Es handelt sich ja um Räumlichkeiten in einem denkmalgeschützten Gebäude in der Innenstadt. Das dauert eben etwas, bis alle erforderlichen Genehmigungen der zu beteiligenden Stellen vorliegen.

Zum Thema
Meistgelesen