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Zwischen trutschiger Tradition und hippem Schick: So verändert sich die Gegend nahe Palmas Blanquerna-Fußgängerzone

Die Ecke verliert zunehmend an Authentizität. MM sah sich jenseits vom Innenstadtring um

Je weiter man sich auf der Blanquerna vom Innenstadtring Avenidas entfernt, desto ursprünglicher wird die Gegend.Fotos: Patricia Lozano

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Wer beobachten will, wie hybride Zustände in Palma eine eigene Dynamik entwickeln, sollte die Gegend am Anfang der Blanquerna-Fußgängerzone aufsuchen: Hier kann man live erleben, wie das hochaktuelle Phänomen Gentrifizierung langsam, aber unaufhaltsam Terrain gewinnt.

Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein, und in diesem Sinne gerät das ursprüngliche spanische Element zwar unmerklich, doch stetig ins Hintertreffen. Hier und dort fristen noch alte Tante-Emma-Läden wie das herrlich vorgestrig daherkommende Lebensmittelgeschäft Sabater ihr erdverbundenes Dasein. Man kann dort Früchte, Oliven und Fisch einkaufen, wie das Großmütter ehedem machten. Auch die legendäre, seit über 60 Jahren existierende Bar Hípica an der breiten Riera-Ausfallstraße versprüht noch Stallgeruch. Dahinter, im Viertel Camp Redo, dem „runden Feld”, war einst Palmas Pferderennbahn. Und Gastwirt Francisco Martorell bereitet dort neben Kichererbseneintopf für 8 Euro auch Paella zur Freude seiner rustikalen Stammkunden zu.

Doch der Schick bricht sich zunehmend Bahn: Da ist etwa eine Filiale der Hamburger-Kette Fosters Hollywood in der Blanquerna-Straße, wo man nach US-Vorbild am Tisch platziert wird und gleich auch, wenn man nicht spanisch genug aussieht, auf Englisch angesprochen wird. Oder das in derselben Straße befindliche Oh-là-là-Restaurant Sibilla oder die Sushi-Bar Sibuya, wo sich ab und zu mitteleuropäische Digital-Nomaden mit Laptops und perfekt gescheitelten blonden Kindern blicken lassen, so wie das in ehemals bescheiden bis geradezu arm daherkommenden „Barrios” wie Santa Catalina bereits seit vielen Jahren der Fall ist. Zu der optischen Aufblondierung des Ambientes an der „Blanquerna” (der Name bedeutet bleichen, weißen) trägt bereits seit einigen Jahren auch das schräg gegenüberliegende, mit einem Dachpool gesegnete Vier-Sterne-Hotel Ars Magna Bleisure entscheidend bei, das nach Auskunft der Rezeption vorwiegend Gäste aus Ecken nördlich der Alpen beherbergt.

"Da gehen wir auch mal rein"

Rentner Herbert Möhlmann prüft während des MM-Rundgangs zusammen mit seiner Ehefrau gerade die Preise einiger Restaurants. „Der Inder ist ja richtig billig”, freut sich der deutsche Tourist, als er die ausgehängte Speisekarte des Taj Mahal studiert. „Da gehen wir auch mal rein.” Günstige Schuppen gibt es in dem von den Straßen General Riera, Marquès und Muntaner umfriedeten Areal (noch) genauso wie Wow-Locations, etwa den hippen Italo-Tempel Santa Chiara, wo auch schon vereinzelt Aperol Spritz trinkende Stenze gesichtet wurden.

Nur eine halbe Gehminute von der dollen Zone entfernt lebt indes das alte 1970er- und 1980er-Jahre-Palma fort: Da ist etwa inmitten von alles andere als überkandidelten Wohngebäuden das Retro-Kino Rivoli, dessen Foyer noch immer genauso aussieht wie Foyers in den 1960er und 1970er Jahren: Besucher ergötzen sich an Polstersitzen mit schrägen Beinen und typischen Lampen, die man in Sekundenschnelle in Verbindung bingt mit Schauspielstars wie Audrey Hepburn („Frühstück bei Tiffanys”).

Hinzu kommen Versicherungsbuden, altväterliche Autowerkstätten, eine Tanzschule und die den Eingeweihten durchaus bekannte und unendlich trutschig anmutende Vintage-Bäckerei La Delice, die nach wie vor auf Spanisch und Katalanisch, aber nicht auf Englisch um Kunden wirbt. Ein leicht deplatziert wirkendes kolumbianisches Bekleidungsgeschäft mit deutlich kurzen Miniröcken im Schaufenster namens Odissea sticht ebenfalls ins Auge. Auffallend in den Straßen sind nicht wenige leerstehende Ladenlokale, diese runden das „Barrio”-Erlebnis ab.

Schöne neue Wohnwelt schicker Wohlstandsbürger

Dass sich die noch zwischen gestern und morgen dümpelnde Gegend wohl atmosphärisch schon bald aufgehübschten Ecken in der Altstadt annähern könnte, darf gemutmaßt werden, zumal hier in absehbarer Zeit ein zehnstöckiger Bau mit teuren Apartments entstehen soll. Mit allen Schikanen will wohl auch hier die schöne neue Wohnwelt schicker Wohlstandsbürger aus kälteren Gefilden Einzug halten, so wie das an anderen Stellen der Stadt der Fall war und ist, etwa im Viertel Nou Llevant, wo in den vergangenen Jahren mehrere Komfort-Blocks entstanden.

Doch zurück zur Ecke der Marquès- und der Riera-Straße, wo der neue Bau entstehen soll: Noch ist da eine Ruine zu finden, auf der der Schriftzug der einst stadtbekannten alten Sagrera-Bar zu lesen ist. Hier, wo in den frühen 1930er Jahren der spätere spanische Diktator Francisco Franco höchstselbst als Militärchef der Balearen regelmäßig einkehrte und vor allem Schneckengerichte verputzte, wird sich in den kommenden Jahren viel ändern. Dass dann jenseits der Innenstadtrings der Avenidas, wo noch vor wenigen Jahren ausländische Zahnarztfrauen, Dandys mit Markenklamotten oder Sugar-Daddys kaum hinfanden, solche oder ähnliche Zeitgenossen auftauchen, darf mit Fug und Recht erwartet werden.

Mit jedem Schritt wird spürbar, dass die hausbackene Vergangenheit der Gegend zum Teil vorbei, zum Teil aber noch präsent ist. Als sich Franco der Insel-Kulinarik hingab, stand hier fast nichts, das gegenüberliegende, fast monströse Hochhaus mit den Räumen der Ocaso-Versicherung hatte noch niemand in der Planung. Palma endete einfach hier an der zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgerissenen, wuchtigen Stadtmauer, die das Zentrum kilometerlang umschlossen hatte: Es gibt Schwarz-Weiß-Fotos von Eselskarren vor einzelnen niedrigen Gebäuden, erste Coca-Cola-Reklamen kündeten von der immer virulenter werdenden damaligen Neuzeit.

Erst war hier fast nichts, dann wurde es zunehmend gemütlicher und städtischer, und jetzt greift die sushi- und hafermilchverwöhnte, dem englischsprachigen Universum zugewandte Komfortwelt wie eine Hydra um sich. Um noch ein bisschen unverfälschtes Palma zu finden, muss man schon jetzt in die Randbezirke vorstoßen.

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