Das soll schmecken?, denkt die MM-Reporterin, als eine Schale mit schwarz gegrillten Frühlingszwiebeln vor ihr auf den Tisch gestellt wird. Den fragenden Gesichtsausdruck bemerken auch die spanischen Gäste. Sie lachen herzlich und versichern: "Probier es. Calçots sind einfach köstlich." Aber wie? Werden die verkohlten Stangen mit Messer und Gabel verzehrt? Offenbar nicht. Der Kellner bringt Einweghandschuhe und ein Lätzchen zum Umbinden an den Tisch.
Unweigerlich dreht sich der Kopf der Reporterin hilfesuchend zum Nachbartisch. Die Spanierin hat die Situation erkannt: "Schau her, ist ganz einfach." Mit den behandschuhten Händen nimmt sie den Calçot in die linke Hand und streckt ihn nach oben. Mit der Rechten greift sie das obere Stück und zieht die schwarze Hautschicht mit einem Mal hinunter. Übrig bleibt ein überraschend zartes Inneres. "Das dippen wir nun in die Romesco-Soße", sagt sie und hebt die getunkte Stange hoch in die Luft, über ihren Mund. Sie nimmt das Gemüse in den Mund, saugt geräuschvoll das Innere heraus, legt die Überreste auf den Teller und greift zum nächsten Calçot.
Die Sauce ist der Renner!
Beim Nachmachen und Probieren schmeckt die Speise überraschend gut: süßlich, mild, ohne den typischen Zwiebelgeschmack. Und die Soße? Ein Mix aus gerösteter roter Paprika, Tomaten, Mandeln, Knoblauch, Brot, Essig und Olivenöl sorgt für einen cremigen, rauchigen, nussigen und leicht säuerlichen Geschmack – die perfekte Begleitung für die Calçots und die endgültige Einladung, sich von Tischmanieren zu verabschieden.
Mit jeder Stange steigen der Genuss und der Mut, etwas lauter zu schlürfen und zu zutzeln. Klar ist, dass die Romesco-Soße viel Zeit und Platz zum Kleckern hat, wenn sie den langen Weg nach oben zurücklegen muss.
Winterritual im Freien
Ganz egal. Schließlich bleibt kein Tisch trocken. Das Essen ist ein Erlebnis, das niemand verpassen sollte: eine Tradition der katalanischsprachigen Regionen Spaniens, die seit dem 19. Jahrhundert als Winterritual im Freien gepflegt wird. Bei sogenannten Calçotadas trifft man sich ums Feuer und grillt die Frühlingszwiebeln – mehr ein soziales Ereignis als eine Mahlzeit. Calçots werden übrigens meist nur als Vorspeise gegessen, anschließend folgt oft Fleisch. Aber klar ist: Dieses Gericht zu essen heißt, Kontrolle abzugeben – über Besteck, Manieren und saubere Kleidung.
Wer Lust hat, dem Genuss nicht in der Kälte, sondern bei Zimmertemperatur beizuwohnen, kann das noch bis zum Saisonende Ende März in ausgewählten Restaurants in Palma tun, unter anderem im Diecisiete Grados in Santa Catalina (immer sonntags) oder im Es Molí d’es Comte (an ausgewählten Tagen).