28 Jahre lang glaubte man, dass die Höhle Font de ses Aiguades in Alcanada bei Alcúdia auf Mallorca eine Quelle sei, aus der sich die Seefahrer des Römischen Reiches mit Wasser versorgten. Neue Untersuchungen des mallorquinischen Archäologen Enric Colom deuten darauf hin, dass es sich um ein Höhlenheiligtum handelt, in dem die Seeleute den Göttern ihren Wein opferten, bevor sie sich auf die Route zwischen Mallorca, Korsika und Sardinien in Richtung der italienischen Halbinsel begaben – die aus Sicht der Navigation und Sicherheit die schwierigste war, da die Seefahrer sich ab diesem Punkt einzig am Horizont und an ihren Karten orientieren mussten.
Coloms Theorie zufolge stiegen die Menschen, die das Opfer darbringen wollten, mit mit Wein gefüllten Amphoren in die Höhle hinab und zerschlugen, sobald sie ihren Grund erreicht hatten, den Rand und den Hals der Amphoren an der einzigen Stelle, an der man stehen und trocken bleiben konnte. Anschließend gossen sie den Wein ins Wasser. Die Tatsache, dass genau dieser Punkt mit Ruß bedeckt ist, der von brennenden Öllampen stammt, untermauert diese Hypothese.
Identisches Bruchmuster
Es war die detaillierte Untersuchung der 189 in der Höhle bisher geborgenen Keramikstücke, die Colom einen weiteren Hinweis lieferten. "90 Prozent der geborgenen Amphoren weisen ein identisches Bruchmuster auf. Sie wurden am Halsbereich mit einem stumpfen Gegenstand zerbrochen. Das kann unmöglich Zufall sein. An anderen Fundstätten findet man Amphoren üblicherweise auf tausend verschiedene Arten zerbrochen", berichtet er.
Weitere Details stützen die Theorie, dass es sich um ein Ritual der vorbeikommenden Seeleute handelte. So wie heute auf dem Boden der Wassergläser, die in vielen Küchenschränken stehen, eine Markierung des Herstellers zu finden ist, hinterließen auch die Amphorenhersteller in der Antike ihre Spuren in Form eines Stempels.
Von der Inschrift zur Route
Auf den aus der Font de ses Aiguades geborgenen Amphoren wurde eine Sammlung von 33 Siegeln dokumentiert. Nur eines davon ist auf Mallorca bekannt, und alle (mit Ausnahme von fünf bisher unbekannten) sind in Rom dokumentiert. "Da diese Siegel sowohl am Ausgangsort des Transports (Tarracó) als auch am Bestimmungsort (Rom) gefunden wurden, lässt sich ihre Route nachzeichnen. Die Inschriften auf den Amphoren zeichnen den Weg nach, auf dem sie transportiert wurden", sagt der Experte.
"Von dieser Art und mit diesen Merkmalen ist die Font de ses Aiguades weltweit einzigartig", bekräftigt Colom. Er hat seine archäologischen Forschungen in dem wissenschaftlichen Buch "Küstenheiligtümer der Römerzeit im Zusammenhang mit der Seefahrt auf Mallorca" zusammengefasst, das er in Zukunft veröffentlichen will.