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Die blutige Vergangenheit Mallorcas: An diesen Orten starben tausende Menschen bei brutalen Schlachten

In den Felsenburgen der Insel spielten sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder menschliche Dramen ab

Die Felsenburgen der Insel blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. | Foto: jm

| Mallorca |

Abends, kurz bevor die Sonne untergeht, erstrahlt der Puig d’Alaró auf Mallorca in kräftigem Rot – Blutrot, so will es die Legende: Bei den Kämpfen um die Burg seien im Mittelalter so viele Menschen ums Leben gekommen, dass der Fels bis heute noch nicht wieder ganz reingewaschen ist. Nachdem im Jahr 902 muslimische Truppen die Insel erobert hatten, sollen Inselbewohner den Invasoren dort oben noch acht Jahre lang Widerstand geleistet haben. Erst als ihre Vorräte vollkommen aufgebraucht waren, ergaben sie sich.

Auch während der Eroberung der Insel durch katalanisch-aragonesische Truppen unter Führung von König Jaume I. im Jahr 1229 wurde das Castell d’Alaró zu einem bedeutenden Rückzugsort – ebenso wie die anderen beiden Felsenburgen. Noch zwei Jahre lang sollen muslimische Inselbewohner dort ausgeharrt haben, bis auch sie sich schließlich ergeben mussten. Jahrhundertelang waren Mallorcas Felsenburgen Orte, an denen die Inselbewohner bei Angriffen Zuflucht suchen konnten, schreibt der Historiker Pau Marimon. Die Verteidigungsanlagen auf schwer zugänglichen Felsvorsprüngen, „erwiesen sich als unverzichtbarer Bestandteil der geostrategischen Aufteilung der Insel”.

Auch das Castell Santueri hat eine bewegte Vergangenheit. Fotos: Archiv

Diese Funktion reicht laut Marimon zurück bis in die Frühgeschichte. Archäologische Überreste deuteten darauf hin, dass diese Orte bereits in prähistorischer Zeit stark frequentiert waren. Dabei blieb es unverändert auch während der gesamten Römerzeit, wie Keramikfunde sowie Teile der Verteidigungsanlagen zeigen, die laut Marimon jener Zeit zugeordnet werden können. „Letztendlich stammen zwar die meisten der heute in den verschiedenen Felsenburgen erhaltenen Überreste aus dem Mittelalter oder der Neuzeit, doch spielte sich ein Großteil ihrer Geschichte in früheren Zeiten ab. So war insbesondere die Zeit zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert ihre Blütezeit.” Laut Marimon gehörten die Felsenburgen während der römischen Herrschaft und in den folgenden Jahrhunderten zu den „wichtigsten Machtzentren” auf Mallorca, wie etwa Siegelfunde aus byzantinischer Zeit im Castell Santueri belegen.

Wann auch immer auf den felsigen Erhebungen erste Verteidigungsanlagen errichtet wurden, ihr Zweck dürfte gewesen sein, einen möglichst großen Teil der Insel und das Meer überblicken zu können, um Eindringlinge frühzeitig auszumachen. So ist vom 822 Meter hohen Puig d’Alaró aus ein großer Teil des Inselinneren und ein bedeutender Teil der Küste zu sehen, an Tagen mit guter Sicht sogar die anderen Baleareninseln. Das Castell del Rei wiederum (492 Meter) ermöglichte die Kontrolle des Inselnordens sowie der kürzesten Schiffahrtsrouten zum Festland. Von Santueri (423 Meter) aus reicht der Blick über die Ostküste Mallorcas, wo die Häfen Portocolom und Portopetro seit der Antike stark frequentiert wurden.

Viele blutige Schlachten hat es einst auf Mallorca gegeben.

Und noch ein weiteres blutiges Kapitel gibt es in der Geschichte des Castell d’Alaró. Nach dem Tod von Erobererkönig Jaume I. im Jahr 1276 wurde dessen Reich aufgeteilt: Die Kronen von Aragón und Valencia wie auch die meisten katalanischen Grafschaften erhielt sein älterer Sohn Pere, das Königreich Mallorca, die Grafschaften Roussillon und Sardinien sowie Montpellier sein jüngerer Sohn Jaume II. Diese Aufteilung hielt nicht lange: Pere zwang seinen Bruder, ihm den Vasalleneid zu leisten. Und 1285 eroberte sein Sohn, Alfons von Aragón, vorübergehend Mallorca. Nur einige Getreue von Jaume II. leisteten Widerstand – und verschanzten sich auf der Burg von Alaró.

Hier beginnt die Legende. Angeführt wurden die Getreuen von Guillem Cabrit und Guillem Bassa. Als ein Bote im Namen des siegreichen Alfons – im Alt-Katalanischen Anfós, was auch Zackenbarsch heißt – die Herausgabe der Burg verlangte, höhnte Cabrit: „Der einzige Anfós, den wir auf Mallorca kennen, ist ein Fisch.” Dies erboste den Infanten derart, dass er nach der Eroberung der Burg im Januar 1286 Cabrit und Bassa rösten ließ – eben wie ein Cabrit, ein Zicklein. Später wurden die beiden Hauptmänner zu Märtyrern stilisiert und vom Volk wie Heilige verehrt – was auch noch in der Kapelle auf dem Burgberg zu erkennen ist: zwei Bilder am Altar zeigen die beiden Männer, rechts und links der Heiligen Jungfrau.

Ins Reich der Legenden gehört auch eine kuriose Geschichte im Zusammenhang mit dem Castell Santueri. Dieses nämlich spielt eine zentrale Rolle bei der Theorie, dass Christoph Kolumbus eigentlich Mallorquiner war und aus der Gegend um Felanitx stammte. In den Jahren 1459 und 1460 hielt sich Carles, Prinz von Viana, der Sohn des aragonesischen Königs Joan II. in der Burg auf. Es kam zu einer Liebesbeziehung mit einer jungen Frau, Margalida Colom, die wenig später einen Sohn zur Welt brachte – Christoph Kolumbus, glauben die Anhänger der Theorie.

In die Schlagzeilen geriet die Burg in jüngerer Vergangenheit auch wegen des wohl größten Archäologie-Skandals in der Geschichte Mallorcas. Im Frühjahr 2002 wurde der Fall eines aus der Schweiz stammenden Arztes und Hobbyarchäologen bekannt, der mit Hilfe eines Metalldetektors über Jahre hinweg hunderte Münzen aus verschiedenen historischen Epochen und sonstige Gegenstände auf dem Gelände der Burg ausfindig gemacht hatte. Groß war die Aufregung in den folgenden Monaten, da Fundstücke ohne Erlaubnis außer Landes gebracht worden waren, wie Medien berichteten. Außerdem sei bei den unsachgemäßen Ausgrabungen vieles unwiderbringlich zerstört worden. Das Gerichtsverfahren wurde später eingestellt, da es dem Beschuldigten nicht darum gegangen sei, sich zu bereichern. Die Fundstücke hatte er den Behörden übergeben.

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