Mallorca Magazin: Jenny, vor 60 Jahren gewann Ihr Vater, Udo Jürgens, mit „Merci Chérie“ den Grand Prix. Welche persönlichen Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lied?
Jenny Jürgens: Es war nach drei Anläufen sein großer internationaler Durchbruch. Da das Lied schon vor mir existierte, begleitet es mich eigentlich mein ganzes Leben. Doch die wahre emotionale Tiefe habe ich erst als Erwachsene begriffen. Als Kind hielt ich es für einen simplen Schlager und habe es einfach mit der Musik meines Vaters assoziiert. Aber wenn man älter wird und eigene Erfahrungen sammelt, klingen Zeilen wie "Kein Meer ist so wild die Liebe" ganz anders. Heute weiß ich: Es ist eines der ganz großen Liebeslieder.
MM: Wie hat Ihr Vater den Wettbewerb damals erlebt und was erzählte er darüber?
Jürgens:Sicher haben wir darüber gesprochen. Er war damals extrem nervös, weil er nach zwei Niederlagen eigentlich nicht noch einmal antreten wollte – das hatte seine Euphorie gebremst. Man musste ihn überreden, doch dann hat es geklappt und er war überglücklich. Später wurde sein Verhältnis zum ESC jedoch distanzierter. Als er 1966 gewann, standen noch das Lied, die Komposition und der Gesang im Vordergrund. Udo allein am Klavier, auf dieser riesigen Bühne. Heute ist durch das Internet alles schriller und „drüber”: Die Show muss sexy sein – mit Tänzern, spektakulären Kostümen. Diese Entwicklung hat meinem Vater nicht gefallen.
MM: Was hat Sie zur Picture-Disc-Edition von "Merci Chérie 60" inspiriert?
Jürgens:Die Picture Disc soll ein Schmankerl sein, wie man in Bayern so schön sagt. Wir wollten den Fans zum 60. Jubiläum von "Merci Chérie" etwas Besonderes geben, worüber sie sich freuen. Eine Art Verneigung vor dem Song. Da wir uns ja nun im 70. ESC-Jahr befinden, war das der perfekte Moment, das Lied mit den wunderbaren Fotos von Hansi Hoffmann zu verbinden. Die Kirsche auf der Sahnetorte sind bei dieser Picture Disc aber die vielen internationalen Versionen auf verschiedenen Sprachen, sogar auf japanisch. Vieles davon werden die Fans nicht kennen. Ich wusste zum Beispiel selbst bis vor Kurzem nichts von der Disco-Version – die hatte ich davor wirklich noch nie gehört und ich finde sie super.
MM: Sind Sie angesichts des 70. ESC-Jubiläums in Wien in die Planungen für eine spezielle Hommage an Ihren Vater eingebunden?
Jürgens: Im Moment ist vieles in der Schwebe. Es gibt Überlegungen für eine große Pre-Show des NDR – live zur ESC-Geschichte, aber ob wir tatsächlich dabei sind, steht noch nicht fest. Es wird sicher etwas stattfinden, um unseren Vater zu ehren, aber die Details sind noch nicht ganz „safe“ – es ist alles etwas kurzfristig.
MM: Es gibt ein Foto von Ihnen vor einem „Wir sind Song Contest“-Plakat. Haben Sie in der Familie früher die ESC-Show immer angesehen?
Jürgens: Nein, wir haben es nicht regelmäßig gesehen – auch mein Vater nicht, was ich verstehe. Papa hatte eine konservative Seite; ihm ging es wie gesagt vor allem um die Lieder und um die Musik. Was in manchen Jahren dort zu hören und zu sehen war, waren zum Teil extrem schrille Auftritte. Wir waren nun aber in Wien bei der Aufzeichnung der ORF-Show „Wir sind Song Contest” dabei, wo auch das Foto entstand. Der ORF hat zur Einstimmung auf den ESC drei Pre-Shows produziert, moderiert von Barbara Schöneberger. Wir sind in der ersten Ausgabe mit Johnny Logan und der Sängerin Beatrice Egli zu sehen. Die eigentliche Live-Show werde ich allerdings gemütlich von der Couch aus verfolgen, und nicht vor Ort in Wien sein.
MM:Welche Art von Musik hören Sie persönlich gerne?
Jürgens: Ich bin ein Fan von Soul-Funk, Jazz-Funk, Groove, R’n’B. Das kommt beim ESC eigentlich überhaupt nicht vor. Aber eine Sache habe ich gelernt – oder ich bemühe mich zumindest darum: Ich versuche, die Songs so zu hören, wie ein Fan es tun würde – auch die Lieder meines Vaters. Ich gehe also nicht immer nur nach meinem ganz persönlichen Musikgeschmack. Bei den ESC-Songs ist es manchmal hilfreich, einfach die Augen zuzumachen und sich wirklich nur auf das Lied zu konzentrieren. Dann überlege ich mir: Welcher Song ist wirklich ESC-tauglich? So kann ich einen Song richtig super finden, ohne dass ich ihn mir privat zu Hause auflegen würde. Man muss es eben mit ESC-Ohren hören und nicht mit Jenny-Ohren (lacht).
MM: Sie haben erzählt, dass Sie eine kleine Wohnung in Wien haben. Gehen Sie immer an das Grab Ihres Vaters, wenn Sie in der Stadt sind?
Jürgens: Ich gehe nicht jedes Mal zum Grab, wenn ich in Wien bin, aber einmal im Jahr zieht es mich dorthin – das muss auch gar nicht am Todestag sein. Einmal war es dort so voll, dass ich nur aus der Ferne geschaut habe. Ich muss nicht zwingend direkt davor stehen, zumal mich dort oft Leute ansprechen. Das ist zwar meistens sehr lieb gemeint, aber je nach eigener Verfassung ist mir nicht immer nach einem Gespräch. Eigentlich brauche ich ohnehin kein Grab, um mich innerlich kurz mit Papa zu verbinden. Dennoch ist es mir wichtig, einmal im Jahr für mich allein eine Rose dort abzulegen. Dafür wähle ich dann meist Uhrzeiten, zu denen es ruhiger ist.
MM: Ihr Vater ist mit dem Song "Merci Chérie" über Nacht zum Super-Star geworden und war danach ständig unterwegs. Waren Sie eher stolz, ihn im Fernsehen zu sehen – oder waren Sie traurig, weil Sie ihn vermisst haben?
Jürgens: Wir waren einfach stolz, ihn im Fernsehen zu sehen. Als Kind habe ich das überhaupt nicht als Verlust empfunden – ich kannte es ja nicht anders und ich bin so aufgewachsen. Heute sehe ich das natürlich differenzierter. Ich werde im Januar 60 und blicke mit mehr Erfahrung auf unsere Familiendynamik, auf die Verluste und die emotionalen Themen bei uns zurück. Rückblickend muss ich sagen: Natürlich hat diese ständige Abwesenheit etwas mit meinem Bruder John und mir gemacht. Das ist ja logisch. Aber wenn ich jetzt tiefer darauf eingehe, sitzen wir hier in einer Psychostunde (lacht).
MM: Ihr Vater wurde überall von Fans umringt, auch wenn Sie privat unterwegs waren. Wie war das für Sie als Kind?
Jürgens: Gewöhnt habe ich mich nie daran, ich habe es eben akzeptiert. Aber ich muss sagen: Neben tollen, kultivierten und respektvollen Fans gibt es leider auch viele übergriffige, die glauben, der Künstler gehöre ihnen. Manchmal hatten sie durch das Hinterherreisen zu den Konzerten oft mehr von Udo als wir. Mich stört dieser Anspruch an uns, die Kritik: "Warum macht ihr dies so, warum ist jenes so?" Auf die Fanseiten im Internet darf ich gar nicht erst gehen, da kriegt man die Krise, was da zum Teil geschrieben wird. Ich halte mich davon fern, weil es mich triggert – dieser Glaube: "Der Udo gehört uns und wir dürfen uns erlauben, alles zu kritisieren." Da muss ich ehrlich sagen: Diese Art von Fans sind gelegentlich etwas schwierig. Demgegenüber stehen jedoch die wunderbaren Fans, für die wir all das gerne tun. Natürlich basiert Udos Erfolg zum Teil auf seinen Fans, aber eben nicht nur – im Kern stand immer seine eigene Kreativität und sein unermüdliches Schaffen. Die Fans waren dabei die tragenden Pfeiler, auf denen dieses Lebenswerk ruhte. Deshalb ist uns eine posivitive Fanpflege auch so wichtig.
MM: Zum 60. Jubiläum von "Merci Chérie" hat die Sängerin LEA eine ganz eigene, moderne Version dieses Klassikers aufgenommen. Wie fühlt es sich für Sie an zu sehen, dass die Musik Ihres Vaters auch sechs Jahrzehnte später noch junge, erfolgreiche Künstlerinnen inspiriert, seine Lieder neu zu interpretieren?
Jürgens: Udos Musik hat alle Generationen berührt – das war eine seiner vielen musikalischen Stärken. Natürlich finde ich es wunderbar, wenn eine junge, begabte Künstlerin dem Song eine ganz eigene Note verleiht und ihn somit jungen Menschen nahebringt.
MM: Was hätte Ihrem Vater an dieser modernen, weiblichen Perspektive auf seinen wohl größten Triumph am meisten gefallen?
Jürgens: Ich kann nicht für meinen Vater sprechen – das habe ich auch nicht zu Lebzeiten getan. Deshalb nur so viel. Mein Vater hätte es immer schön gefunden zu sehen, dass seine Musik weiterlebt. Und das ist auch das Bestreben der Familie.
MM: Mit Ihrer eigenen Initiative „Herzwerk” geben Sie älteren Menschen eine Lobby. Warum liegt Ihnen gerade der Kampf gegen Altersarmut so am Herzen?
Jürgens:Viele engagieren sich für Kinder oder Tiere – was großartig und wichtig ist. Aber für ältere Menschen treten vergleichsweise wenige ein. Vielleicht finden manche das Thema nicht „attraktiv” genug für die Öffentlichkeit, aber ich sehe das anders. Ich finde es sogar sehr wichtig, denn das Alter betrifft uns am Ende alle selbst.
MM: In südlichen Ländern, wie Ihrer Wahlheimat Mallorca hat die Familie ja noch einen hohen Stellenwert. Wie geht man dort mit älteren Menschen um?
Jürgens: Der familiäre Zusammenhalt ist hier spürbar stärker, aber es gibt auch einen enormen Druck, die Eltern zu Hause zu betreuen, wenn sie alt sind. Das hat nicht nur positive Seiten für die Familien. In Spanien fehlen schlichtweg die Kapazitäten: In einem Ort wie Sóller gibt es meines Wissens nur ein einziges Heim. Zudem ist die stationäre Pflege dort – genau wie in Deutschland – unglaublich teuer. Oft heißt es vorschnell, alte Menschen würden heute einfach "ins Heim abgeschoben". Das stimmt so nicht. Die wenigsten können sich das überhaupt leisten, sofern kein hoher Pflegegrad vorliegt, bei dem ein Großteil der Kosten übernommen wird. Während in Deutschland etwa 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden, sind es in Spanien sogar 95 Prozent. Nur die wenigsten leben also tatsächlich in einer "Residencia". Und Angehörige zuhause zu pflegen ist eine riesige Herausforderung.
MM: Stehen noch unerfüllte Wünsche auf Ihrer Bucket-List?
Jürgens: Eigentlich nicht. Mein oberstes Gebot ist die Gesundheit – sie ist das Fundament für alles andere. Mein wichtigstes Ziel ist es, dankbar zu bleiben und achtsam mit meinen Mitmenschen umzugehen. Einzig zu meinem 60. Geburtstag im Januar plane ich eine schöne Reise, da ich wahnsinnig gerne unterwegs bin. Aber am Ende zählt das Glück im Hier und Jetzt.