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Tausende Stellen offen: Wohnungsmangel auf Mallorca treibt Arbeitnehmer in die Flucht

Angesichts der Mietmarktkrise auf den Balearen schlägt die spanische Arbeitergewerkschaft Alarm. Viele Menschen finden keine bezahlbaren Bleiben mehr

Im Tourismussektor auf den Balearen fehlen Arbeitskräfte, weil es kaum bezahlbaren Wohnraum gibt. | Foto: Gemma Andreu/Archiv

| Mallorca |

Die Spanische Arbeitergewerkschaft (Unión General de Trabajadores UGT) schlägt angesichts des angespannten Mietmarktes auf den Balearen Alarm. Ihren Zahlen zufolge würden sich viele Beschäftigten dazu entscheiden, nicht an ihre Arbeitsplätze auf Mallorca und den anderen Inseln zurückzukehren, weil sie keine Unterkunft finden, erklärte der Generalsekretár José García Relucio. Laut UGT seien schon mehr als tausend Fälle von Beurlaubungen („excedencias“) von fest angestellten Saisonkräften im Tourismussektor vom spanischen Festland bearbeitet.

Dabei handele sich um einen Rekordwert im Vergleich zu den Vorjahren. Hinzu kommen weitere Arbeitnehmer, die auf Rückkehrangebote nach Mallorca gar nicht erst reagieren. Um die Wohnungsnot zu lindern, fordert die UGT, die gesamten Einnahmen aus der Steuer für nachhaltigen Tourismus (ITS) in die Wohnungspolitik umzuleiten. Die Gewerkschaft sieht den Zugang zu Wohnraum als größten Engpass für den Tourismussektor und warnt vor direkten Folgen für Personalgewinnung und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

"Wohnungsdrama"

Gewerkschaftsvertreter von den Balearen und den Kanaren sowie Vertreter auf staatlicher Ebene haben das Problem im Rahmen einer Veranstaltung zum „Wohnungsdrama“ im Tourismussektor erörtert. Dabei betonte die UGT, dass die Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden, nicht nur die Beschäftigten betreffen, sondern auch den Betrieb der Unternehmen gefährden, da es an verfügbaren Arbeitskräften mangelt.

José García Relucio warnte, dass die Situation bereits spürbare Folgen habe: Immer mehr Beschäftigte lehnten eine Rückkehr an ihren Arbeitsplatz ab, und offene Stellen ließen sich zunehmend schwer besetzen. „Wenn nicht dringend gehandelt wird, wird der Tourismus als wichtigster Wirtschaftsmotor an Leistungsfähigkeit verlieren“, so García Relucio. Der Wohnungsmangel führe zu einem stetigen Strom an Absagen und erschwere es, Personal langfristig zu halten.

Maßnahmen gefordert

Vor diesem Hintergrund fordert die UGT, die ITS-Mittel – rund 150 Millionen Euro jährlich – vorrangig für den Kauf oder die Anmietung von Unterkünften für Arbeitnehmer zu verwenden. Vorgeschlagen wird unter anderem, leerstehende touristische Einrichtungen wie frühere Herbergen oder Pensionen sowie schwer vermarktbare Hotels niedriger Kategorie in bezahlbaren Wohnraum umzuwandeln.

Die Gewerkschaft lehnt es ab, die Wohnraumfrage privaten Unternehmen zu überlassen, da dies häufig zu schlechteren Arbeitsbedingungen führe. „Es geht dann nicht um würdigen Wohnraum, sondern um Schlafplätze, die mit längeren Arbeitszeiten oder dem Verzicht auf Rechte bezahlt werden“, warnte García Relucio. Zudem könne die Nutzung bestehender touristischer Infrastruktur Wege verkürzen, den Verkehr entlasten und eine massive Neubebauung auf den begrenzten Inseln vermeiden.

Extrem prekäre Zustände

Nach Angaben der UGT hat die Situation bereits zu extrem prekären Zuständen auf Mallorca und den Nachbarinsel geführt: Beschäftigte übernachten in Autos, Wohnwagen oder sogar auf der Straße. „Es darf nicht zur Normalität werden, dass Menschen an Stränden oder an den Zufahrten nach Palma campieren“, betonte der Gewerkschafter und forderte ein sofortiges Eingreifen der Regionalregierung.

Auch auf nationaler Ebene wird das Problem als gravierend eingeschätzt. Die stellvertretende Generalsekretärin der UGT, Lola Navarro, bezeichnete es als „sektorübergreifendes Drama“, das alle Berufsgruppen betreffe – selbst Beamte würden Stellen ablehnen, weil sie keinen Wohnraum finden. Sie wies darauf hin, dass steigende Mieten die in den vergangenen Jahren erzielten Lohnerhöhungen weitgehend zunichtemachen und zum Hauptgrund für den Kaufkraftverlust geworden sind.

Streiks nicht ausgeschlossen

Die Gewerkschaft schließt eine Verschärfung ihres Kurses nicht aus. Zwar setzt sie zunächst auf Mobilisierungen zu wichtigen Terminen wie dem 1. Mai, doch auch stärkere Druckmittel bis hin zu einem Generalstreik werden in Betracht gezogen, sollte es keine Fortschritte geben.

Antonio Oviedo, Generalsekretär der staatlichen Föderation, warnte zudem vor den wirtschaftlichen Folgen eines Nichthandelns: „Wenn es keine Arbeitskräfte gibt, erledigt sich der Streik von selbst.“ Der Wohnungsmangel bedrohe Qualität und Zukunftsfähigkeit des Tourismusmodells. „Ohne würdige Lebens- und Arbeitsbedingungen wird es keinen wettbewerbsfähigen Tourismus geben“, so Oviedo.

Neben kurzfristigen Maßnahmen schlägt die UGT auch ergänzende Initiativen vor: etwa Mietzuschüsse für junge Menschen und besonders betroffene Gruppen, den Ausbau eines öffentlichen sozialen Wohnungsbestands sowie die Förderung von Sozialwohnungen. Ziel ist es, Pendelwege zu verkürzen und Wohn- und Arbeitsort – insbesondere in Tourismusgebieten – näher zusammenzubringen.

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