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Erinnerung an den Insel-Grimm: Das war der größte Märchenonkel Mallorcas

Generalvikar, Domherr, Märchenonkel: Mossén Antoni Maria Alcover war nicht nur ein Mann biblischer Worte, er schrieb auch Mallorcas Märchen nieder. Seine Sammlung soll nun zum Kulturgut erklärt werden

Gestatten, Mossén Antoni Maria Alcover. | Ultima Hora

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En Jordi d’es Racó – der Schorsch von der Ecke: Unter diesem Pseudonym veröffentlichte der mallorquinische Geistliche Antoni Maria Alcover (1862-1932) ab 1880 eine umfassende Sammlung von Märchen. 33 Orte der Insel und 246 Märchenerzähler hat er im Lauf seines Schaffens abgeklappert und 450 Märchen zusammengetragen. Veröffentlicht wurden sie in ihrer ursprünglichen Sprache, dem Mallorquín, in 24 Bänden als „Aplec de Rondaies Mallorquines”, als Märchensammlung: Der Priester aus Manacor und spätere Kanonikus in Palma war der Bruder Grimm der Insel.

Bis heute sind die Rondaies in Buchform zu haben. Selbst die Franco-Diktatur konnte ihnen nichts anhaben, obwohl damals das Katalanische samt mallorquinischem Dialekt aus der Öffentlichkeit verbannt war. Zu verdanken ist dies dem menorquinischen Philologen Francesc de Borja Moll. 1934, zwei Jahre vor dem Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs, hatte er den Verlag Editorial Moll gegründet, der die Märchen veröffentlichte – nach dessen Pleite 2014 übernahm der 2019 gegründete Nachfolger Nova Editorial Moll die Reihe.

Moll hatte auch den Mut gehabt, an Radioaufzeichnungen der Märchen mitzuwirken. Die Ausstrahlungen ab 1959 zählen zu den erfolgreichsten Sendungen von „Radio Popular” auf Mallorca und einige von ihnen wurden im Jahr 2000 auf CDs veröffentlicht. Am 11. Februar teilte Mallorcas Inselrat nun mit: Die „Rondaies” werden zum „immateriellen Kulturgut der Insel” erklärt.

Damit kommt Alcover, der bereits 2022 zum „berühmten Sohn” Palmas ernannt wurde, märchenhaft erneut zu Ehren. Der vielseitige und höchst produktive Priester stammt aus einer ländlichen Familie aus Manacor, die vom Carlismus, einer reaktionär-absolutistischen, erzkatholischen Bewegung, geprägt war. Mit 15 Jahren ging er nach Palma ans Priesterseminar. Nicht weniger früh begann seine Leidenschaft fürs Schreiben.

Zunächst machte er sich als intoleranter Polemiker gegen Liberale und Linke einen Namen. Dann schwang er die Feder für die mallorquinischen Volksbräuche, begab sich ins Reich der Märchen – und er wechselte vom Castellano ins Catalán. „Dieses mallorquinische Leben auf Kastilisch gemalt, wirkt seltsam”, notierte er und pries das Resultat an: „Seht hier die guten Märchen. Sie sind allesamt leibliche oder adoptierte Töchter der Volksmuse von Mallorca; sie sind alle in ihrem mütterlichen Schoß aufgewachsen.”

Driftete die „Volksmuse” allerdings zu sehr ins Vulgäre ab, stieß der Kleriker an seine Grenzen: „Material, das er als erotisch, skatologisch, pietätlos oder antiklerikal empfand, wurde fast immer abgelehnt. Sein Gewissen hinderte ihn daran, zu sammeln und zu verbreiten, was er für schädlich hielt”, schrieb der Philologe Josep A. Grimalt. Dennoch stimmte er mit Francesc de Borja Moll darin überein, dass die Sammlung durch derartige Zensurmaßnahmen keinen Schaden genommen habe, da der Großteil der Rondaies ohnehin ohne „Obszönitäten” auskomme.

Priester, Generalvikar, Domherr: die Stationen in Alcovers klerikaler Laufbahn. Als Autor trat er zunächst durch das Sammeln von Märchen, dann von Worten hervor. Sein Opus Magnus: Ein Lexikon der katalanischen Sprache mit den typischsten Wörtern der Einheimischen im gesamten Sprachraum. 1906 initiierte und leitete er gar in Barcelona den Internationalen Kongress für die katalanische Sprache. Mehr als 3000 Romanisten aus ganz Europa nahmen daran teil.

In der Folge wurde die philologische Abteilung des Instituts für Katalanistik gegründet. Ihr Präsident: Antoni Maria Alcover. Doch der streitbare Mossén überwarf sich mit vielen Intellektuellen und Politikern und brach mit dem Institut. Von Mallorca aus hetzte er publizistisch gegen den politischen Katalanismus und seine ehemaligen Mitstreiter. Zugleich versuchte er, die Valencianer und Mallorquiner für sich zu gewinnen, die ihr Licht nicht unter den Scheffel der Katalanen stellen wollten. Er änderte den Titel von „Diccionari de la llengua catalana” in „Diccionari català-valencià-balear”. Die Fertigstellung erlebte er nicht mehr. 1932 starb er in Palma in Folge einer Reihe von Schlaganfällen. Das Lexikon führte Francesc de Borja Moll zu Ende.

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