Man muss schon genau wissen, wonach man sucht, wenn man auf Mallorca Spuren von Antoni Gaudí finden will, des bedeutendsten Architekten des Modernisme, dessen Tod sich im Jahr 2026 zum 100. Mal jährt (exakt am 1. Juni). So etwa an der Fassade der Kathedrale in Palma. Es wirkt, als hätte dort jemand mit freier Hand und etwas unbeholfen vier Tulpenblüten in den Kalksandstein geritzt – eine an jeder der spitz zulaufenden Ecken der winzigen Fenster, die sich auf etwa zweieinhalb Metern Höhe an der dem Meer zugewandten Seite befindet. Man kann sie leicht übersehen, die unscheinbare Verzierung, und das tun auch die allermeisten Touristen, die sich hier tummeln.
Dabei handelt es sich bei den Fenstern um ein Werk von Antoni Gaudí. Der damalige Bischof Pere Joan Campins hatte den katalanischen Architekten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Umgestaltung des Innenraumes der Kathedrale beauftragt. Das Projekt dauerte von 1904 bis 1915. Die bedeutendste Neuerung war die Verlegung des Chors, der sich bis dahin mitten im Hauptschiff befunden hatte. So wurde der Innenraum völlig neu gegliedert. „Er hat der Kathedrale einen szenografischen Sinn gegeben”, sagt die Kunsthistorikerin Mercé Gambús. Auf diese Weise haben Gläubige und Besucher nun freien Blick bis zum Altar, die enormen Ausmaße des Innenraumes kommen zur Geltung.
Gaudí verfügte auch die Verlegung der Kanzel an ihren heutigen Platz und löste das Problem der Beleuchtung in dem Gotteshaus. Die meisten der Fenster nämlich waren damals verdeckt oder gar zugemauert. Es herrschte stets zwielichtiges Halbdunkel. Gaudí ließ die Fenster freilegen und führte die elektrische Beleuchtung ein. Auch einige schmückende Elemente gehen auf seine Pläne zurück, darunter Keramiken, die großen Mosaiken vor Haupt- und Nebeneingang, zahlreiche schmiedeeiserne Leuchter und Geländer, sowie eben die Fenster an der Fassade. Auch Mobiliar wie etwa der Beichtstuhl gehen auf Pläne des Architekten zurück, schreibt Gaudí-Experte Pere-Joan Llabrés in seinem Bildband zum Thema.
Als bedeutendstes Werk gilt demnach der Baldachin über dem Altar, der zum Großteil aus Holz, Papier und Textilien, aber auch aus Metall und Glas besteht. Völlig neu gestaltete Gaudí auch den Bereich rund um den Bischofsstuhl („la seu”, bis heute der Beiname des Gotteshauses), der noch hinter dem Altar an der Kopfseite des Chores gelegen ist. Vor allem die bunten Keramikverzierungen links und rechts davon, die Wappen und pflanzliche Motive zeigen, fallen auf, wenngleich sie für Besucher der Kathedrale nur aus der Ferne sichtbar sind.
Der Bischofssitz samt reicher, floraler Keramikverzierungen. Foto: Catedral de Mallorca
Auch im benachbarten Bischofspalast hat Gaudí Spuren hinterlassen. Vor allem der Balkon auf der Meerseite, den man am besten von der dort gelegenen Stadtmauer aus betrachten kann, weist unübersehbar modernistische Elemente auf. Im Museu d’Art Sacre, das sich im Bischofspalast befindet, sind ferner zwei Kirchenfenster sowie ein liturgisches Sitzmöbel, ein sogenanntes Faldistorium, ausgestellt.
Palma bot ihm eine einzigartige Gelegenheit
Der katalanische Architekt, der ein sehr religiöser Mensch war, hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Barcelona und Umgebung bereits einige seiner bedeutenden Werke geschaffen und sich den Ruf eines Visionärs erarbeitet, der auch vor ungewöhnlichen Lösungen nicht zurückschreckte. Er war längst ein renommierter Architekt, der von der wohlhabenden Bürgerschaft mit dem Bau emblematischer Wohnhäuser beauftragt wurde. „Gaudí bekam hier in Palma die einmalige Gelegenheit, seine Vorstellungen in einem historischen Gebäude, einem Baudenkmal umzusetzen”, sagt Gambús. „Diese Möglichkeit hatte man ihm noch nicht einmal in Barcelona eingeräumt.”
Auf Mallorca aber war der Widerstand konservativer Kreise gegen Gaudís Kathedralen-Projekt von Anfang an groß. Seine Arbeit war höchst umstritten. Innerhalb der Kirche, aber auch in der mallorquinischen Gesellschaft war das Vorhaben Gegenstand heftiger Polemik. Der mallorquinische Architekt Guillermo Forteza etwa, von dem unter anderem der Marivent-Palast stammt, kritisierte Gaudí, dieser habe sich nicht zurückzuhalten gewusst und „beliebigen schmückenden Elementen” den Vorrang vor dem ursprünglichen Stil der Gotik eingeräumt.
Streit mit lokalen Bauunternehmern
Zwischen 1904 und 1915 weilte Gaudí mehrmals auf der Insel, um den Fortschritt der Arbeiten in der Kathedrale zu überwachen, die seine Schüler Joan Rubió und Josep Maria Jujol vorantrieben. Gaudís Werk blieb jedoch unvollendet. Nach dem Tod von Bischof Campins, seinem großen Fürsprecher, gab er das Projekt schließlich auf. Ein Streit mit lokalen Bauunternehmern soll der letzte Auslöser dafür gewesen sein, wie Donald Murray und Miguel Seguí in ihrem Buch über den Modernisme auf Mallorca schreiben.
Kathedrale und Bischofspalast sind jedoch nicht die einzigen Bauwerke auf der Insel, bei denen Gaudí zumindest indirekt die Hände im Spiel hatte. Während seiner Inselaufenthalte kümmerte er sich nebenbei auch noch um andere Vorhaben, eines davon in Lluc. Bischof Campins beauftragte ihn 1908 nämlich auch damit, die Kirche des Heiligtums in den Bergen neu zu gestalten. Laut dem Historiker und Gaudí-Biografen Josep Maria Tarragona stammten die Pläne zur prunkvollen Dekoration des Gotteshauses von dem katalanischen Architekten.
Auch die Gestaltung des dortigen Rosenkranz-Berges soll auf ihn zurückgehen. Dieser befindet sich etwas außerhalb der Mauern des Heiligtums. Am Wegesrand stehen fünf steinerne Skulpturen mit Bronzeplatten, auf denen die Geheimnisse des Rosenkranzes dargestellt sind. Umgesetzt wurden die Pläne Gaudís letztendlich allerdings vom Architekten der Diözese, Guillem Reynés, sowie Joan Rubió und dem Bildhauer Josep Llimona, wie es heißt. Auch hier also muss man ganz genau wissen, was man sucht, will man Spuren von Antoni Gaudí entdecken.