Am Paseo Marítimo von Palma ist der Umbau abgeschlossen, doch wirtschaftlich herrscht Stillstand. Wo früher Barkonzepte um Aufmerksamkeit konkurrierten, dominieren heute Verkaufsschilder die Schaufenster: „Se vende”, „Se alquila”, „Se traspasa”. Die neue Hafenpromenade glänzt architektonisch – und kämpft gleichzeitig mit einem schleichenden Substanzverlust. Immer mehr Bars, Restaurants und Clubs geben auf oder suchen neue Betreiber. Der traditionsreiche Standort, jahrzehntelang sichere Umsatzadresse, ist für viele Unternehmer zur betriebswirtschaftlichen Rechenaufgabe geworden.
Makler und Gastronomen nennen eine bekannte, aber tückische Mischung: explodierende Mieten, rückläufige Abendfrequenz, strengere Auflagen – und vor allem der Wegfall von rund 1200 Parkplätzen im Zuge der Neugestaltung. Für ein Gebiet, das über Jahrzehnte von schneller Erreichbarkeit und spontanen Besuchen lebte, ist das kein Detail, sondern ein Strukturbruch. Der Paseo Marítimo verliert genau das, was ihn wirtschaftlich getragen hat: Frequenz, Umschlag, Impuls.
Dass die Krise nicht nur austauschbare Konzepte trifft, zeigt der Blick auf prominente Adressen. Die ehemalige Kultbar Garito im Hafenbecken von Can Barbara steht zum Verkauf – für 1,45 Millionen Euro oder alternativ 9500 Euro Monatsmiete. Das Lokal war in den 1980er- und 1990er-Jahren ein Fixpunkt des Nachtlebens, lange bevor „Erlebnisgastronomie” zum Geschäftsmodell wurde. Dass ausgerechnet dieser Standort nun einen Käufer sucht, gilt in der Branche als stille Zäsur. Auch kleinere Betriebe kämpfen mit harten Zahlen: Die Pizzeria Best Pizza wird für 280.000 Euro angeboten, zuzüglich 3000 Euro Monatsmiete. „Bei diesen Konditionen bleibt kaum Luft für Anlaufverluste”, sagt ein Makler. „Jeder Quadratmeter muss vom ersten Tag an liefern.”
Corona zermürbte viele Betriebe
„Was nützt uns eine schön gestaltete Hafenpromenade, wenn sie am Ende leer bleibt?”, fragt Valerio Petrillo, Inhaber der Gruppe Palma Emotions World und Vorstandsmitglied des Verbands der Nachtgastronomie. Er betrieb früher selbst ein Lokal am Paseo Marítimo, musste es jedoch schließen. Die Corona-Jahre in Kombination mit fast drei Jahren Baustelle hätten viele Betriebe wirtschaftlich zermürbt. „Viele Unternehmer hier befinden sich im Insolvenzverfahren”, sagt Petrillo. Trotz Wiedereröffnung der Promenade komme das Geschäft nicht in Gang. Das einheimische Nachtleben habe sich verlagert – nach Santa Catalina oder in Industriegebiete wie Son Castelló, wo Parkplätze, niedrigere Mieten und einfachere Genehmigungen locken.
Auch Chechu Osinalde von der Immobilienagentur Gesmorent beobachtet einen Strukturwandel. „Es wird eine Veränderung des Angebots geben”, sagt er. Nach Abschluss aller Bauarbeiten rechnet er zwar mit einer gewissen Belebung, spricht aber offen von einem Qualitätsfilter. Der Paseo Marítimo sei „was er ist” – einige Betriebe müssten sich einem Standort mit höherem Anspruch anpassen. Gleichzeitig habe sich das Bewegungsprofil verändert. Kreuzfahrtpassagiere passieren den Marítimo zunehmend, ohne dort zu konsumieren, und orientieren sich direkt Richtung Innenstadt. „Die Nacht hat weniger Kraft”, sagt Osinalde. Hinzu komme „starker Widerstand der Anwohner gegen Lärm, Müll und Ausschweifungen”. Gastronomie könne bestehen – allerdings eher kleinteilig. Ein hochwertiges Einkaufsviertel schließt er aus.
Besonders sichtbar wird der wirtschaftliche Druck am Beispiel des Luxus-Dinnerclubs Lío. Erst vor zweieinhalb Jahren hatte die internationale Marke das legendäre Tito’s-Gebäude übernommen und ein hochpreisiges Erlebnis aus Restaurant, Show und Diskothek etabliert. Nun hat die Lío-Gruppe ein kollektives Entlassungsverfahren eingeleitet und die Eigentümerfamilie Fluxà über die Lage informiert. Als Hauptbelastungen nennt das Unternehmen die fast dreijährige Sanierung des Paseo Marítimo, die schwierige Erreichbarkeit – und die nüchterne Wirtschaftlichkeit eines Konzepts mit hohen Fixkosten.
Intern gilt eine klare Rechnung: Das Lío-Format muss mindestens sieben Monate im Jahr geöffnet sein, um profitabel zu arbeiten. „In Palma ist das schwierig”, heißt es aus dem Umfeld des Projekts. Nicht wegen fehlender Nachfrage, sondern wegen der ausgeprägten Saisonalität. Der lokale Markt allein reiche nicht aus, um ein Modell zu tragen, das von hoher Auslastung, hohem Durchschnittsbon und einem aufwendigen Gesamterlebnis lebt. Glamour ist teuer – und funktioniert nur, wenn er regelmäßig konsumiert wird.
Pizzeria Placita immer voll
Dass der Standort dennoch funktionieren kann, zeigt ein Gegenbeispiel nur wenige Meter entfernt. Die Pizzeria La Placita neben dem Auditorium wird für 480.000 Euro verkauft – aus Altersgründen. „Wir haben hier immer voll”, sagt Eigentümer Mimo Ezzat Ballal. Das Auditorium liefere verlässlich Publikum. Sein Fall zeigt vor allem eines: Der Paseo Marítimo ist kein Selbstläufer mehr, aber auch kein Totalschaden. Entscheidend sind Kostenstruktur und ein Angebot, das zur tatsächlichen Nachfrage passt.
Zusätzlichen Druck erzeugt der Mietmarkt. „Viele Verträge stammen von vor zehn Jahren”, sagt Tomeu Mas, Geschäftsführer des regionalen Gaststättenverbandes. „Bei den Verlängerungen verdoppeln sich die Preise.” Die Folge: Ein Großteil der unternehmerischen Leistung fließt inzwischen in die Miete, die Margen sind „extrem geschrumpft”. Gleichzeitig sinkt die Kaufkraft der Bevölkerung – ein Faktor, der selbst gut geführte Betriebe aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Der Paseo Marítimo ist damit weniger Ausgehmeile als Prüfstand. Historie ersetzt keine Rendite, und eine schöne Promenade keine funktionierende Frequenz. Wer hier investiert, kauft keinen Mythos mehr – sondern ein Geschäftsmodell, das sich rechnen muss. Und das ist derzeit die größte Herausforderung dieser einst so verlässlichen Lage.