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Warten auf die Explosion: So verschärfen immer mehr Menschen auf Mallorca die Spannungen!

Der Begriff „demografische Bombe” erfreut sich auf Mallorca seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Lesen Sie hier, warum das der Fall ist

Die Einwohnerzahl auf Mallorca ist in den vergangenen 25 Jahren um 42,5 Prozent gestiegen | Foto: Jonas Martiny

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Der Begriff „demografische Bombe” erfreut sich auf Mallorca seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Als die Umweltschutzvereinigung GOB kürzlich auf die möglichen Folgen künftiger Baupolitik hinwies, da bediente sie sich dieses Sprachbildes, um die Zukunft der Insel in dunklen Farben zu malen. Durch die kürzlich von der Balearen-Regierung beschlossene Lockerung der Bauvorschriften könnten mehr als 37.000 Immobilien mit Platz für mehr als eine Viertelmillion Menschen entstehen. Allein die Bevölkerung Palmas könnte so um mehr als 30 Prozent steigen. Auch in Marratxí, Manacor, Inca, Alcúdia, Llucmajor und Calvià würde die vorgesehene Umwidmung von unbebauten Flächen zu Bauland zu einem erheblichen Bevölkerungswachstum führen, so der GOB.

Noch weiter gehen die Umweltaktivisten von Terraferida. Diese haben ausgerechnet, dass auf Mallorca Stand jetzt noch Bauland für fast 180.000 Immobilien vorhanden ist. Das entspreche einem Bevölkerungswachstum von mehr als 550.000 Menschen. „Auf einer Insel, die ohnehin schon überlaufen ist und deren Ressourcen am Limit sind, ist das eine demografische Bombe”, heißt es bei Terraferida.

Dass die Situation einiges an Sprengkraft birgt, sagt auch Pere Salvà. Der pensionierte Geografie-Professor hat sich an der Balearen-Universität jahrzehntelang mit der demografischen Entwicklung auf den Inseln befasst. „Mallorca ist die einzige Insel, die ein solches Wachstum erlebt hat”, sagt er. „Ein einzigartiger Fall.” Tourismus- und Bauwirtschaft mit ihrem enormen Arbeitskräftebedarf haben die Zahl der Einwohner in den vergangenen Jahrzehnten unaufhaltsam ansteigen lassen. Allein in den vergangenen 25 Jahren wuchs die Bevölkerung um 42,5 Prozent.

„Wir sollten der Vergangenheit nicht hinterhertrauern”

Im Zuge des ersten Tourismusbooms in den 1960er Jahren waren zunächst vor allem Festlandspanier nach Mallorca gekommen, später dann in großer Zahl auch Nordafrikaner und Südamerikaner. Nicht zu vergessen Zehntausende Nord- und Mitteleuropäer, die sich hier ihr Plätzchen an der Sonne gesichert haben. Das Ergebnis: Eine durch die Zuwanderung grundlegend veränderte Gesellschaft. Salvà vermutet, dass noch etwa ein Viertel der Inselbewohner auf mehrere Generationen mallorquinischer Vorfahren zurückschauen können. „Wir sollten der Vergangenheit nicht hinterhertrauern”, sagt er. Dass sich viele Mallorquiner fremd fühlen in der eigenen Heimat liege an der fehlenden Weitsicht und Planung in der Vergangenheit.

Salvà geht davon aus, dass das demografische Wachstum auf Mallorca weitergehen wird. Bis zum Jahr 2037 rechne das spanische Statistikinstitut mit einem Anstieg der Einwohnerzahl auf den Balearen um 231.210 Personen. „Ja, das ist eine demografische Bombe”, sagt er. „Oder zumindest etwas, das explodieren kann.” Seine Bedenken richten sich vor allem auf die mangelhafte Infrastruktur. „Es ist unmöglich, so viel Wohnraum zu schaffen, wie es nötig wäre.” Bereits jetzt ist die Wohnungsknappheit für viele Menschen zum grundlegenden Problem geworden. Salvà befürchtet, dass immer mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Dazu kommen das überlastete Gesundheits- und Erziehungswesen, überfüllte Straßen, veraltete Kläranlagen und natürliche Ressourcen, die längst an ihre Grenzen stoßen. Die Trinkwasservorräte sind in den vergangenen Jahren drastisch gesunken.

„Die große Frage ist: Wie kann man das demografische Wachstum begrenzen?”, sagt Salvà. Als Teil Spaniens und der EU könne man von Mallorca aus die Zuwanderung nicht auf eigene Faust steuern. Gleichzeitig klagen schon jetzt Vertreter verschiedener Branchen, dass offene Stellen nicht besetzt werden können, weil Fachkräfte fehlen. „Eigentlich brauchen wir mehr Immigration.” Darum gebe es eigentlich nur einen Ausweg: „Die einzige Möglichkeit ist, den Bedarf an Arbeitskräften zu senken.” Solange die Tourismuswirtschaft auf Wachstum ausgelegt sei, werde das allerdings nicht geschehen. „Es bräuchte einen radikalen Wandel des Modells.” Dass es dazu kommt, hält er nicht für besonders wahrscheinlich.

Wie viele Entsalzungsanlagen kommen noch?

Das sieht auch Jaume Garau so. „Der Tourismus wird weiter wachsen, wenn es keine klare Begrenzung gibt”, sagt er. „Wir glauben nicht daran, dass es zu einer solchen kommt.” Garau gehört dem Fòrum de la Societat Civil an, einem Zusammenschluss von zivilgesellschaftlichen Gruppen, der sich mit Themen der Aktualität befasst. Im kürzlich vorgestellten Jahresbericht 2025 ist die Rede von einem Anstieg der Inselbevölkerung auf mehr als 1,5 Millionen im Jahr 2050. Das Passagiervolumen am Flughafen werde bis dahin von derzeit etwas mehr als 30 Millionen auf 56 Millionen pro Jahr wachsen. „Sämtliche Probleme, die wir bereits jetzt sehen, werden sich noch intensivieren.” In der Vergangenheit habe man sich auf Mallorca stets damit beholfen, bei Bedarf die Infrastruktur immer weiter auszubauen, in erster Linie den Flughafen und das Straßennetz. „Natürlich kann man auch immer mehr Entsalzungsanlagen bauen, um die Wasserversorgung sicherzustellen. Aber wie viele wollen wir denn bauen?”, fragt sich Garau.

Auch Joan Serra glaubt nicht daran, dass mehr Investitionen in die Infrastruktur der richtige Weg sind. Serra ist Koordinator der kürzlich neu gegründeten Regionalpartei Coalició per Mallorca, die eine Begrenzung der Einwohnerzahl auf den jetzigen Stand vorschlägt. „Natürlich können wir die gesamte Insel vollbauen”, sagt er. „Das ist aber ein Teufelskreis.” Bessere Infrastruktur würde die Einwanderung nur noch mehr befeuern. „Außerdem ist das nicht das Mallorca, das wir wollen.” Eine Begrenzung der Einwohnerzahl sei unumgänglich, um die Lebensqualität und die Umwelt zu bewahren. „Es geht darum, Maßnahmen zu ergreifen, die ein weiteres Wachstum verhindern.” So schlägt die Partei eine Senkung der Zahl der touristischen Übernachtungsplätze um zehn Prozent vor. Auch eine Limitierung des Immobilienverkaufs an Nicht-Residenten sei nötig.

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