Sie stehen plötzlich da, wo man sie auf Mallorca so nicht erwartet: am Rand von Industriegebieten, auf Parkplätzen, in Kreisverkehren, auf Golfplätzen oder gar in Hotelgärten. Und manchmal mitten im Ortskern. Seit etwa fünf Jahren bilden sich auf der Insel Kolonien verwilderter Hühner – Gallus gallus domesticus, formal ein Haustier, faktisch inzwischen ein Dorfbewohner. Was nach ländlicher Idylle klingt, ist in Wahrheit ein erstaunlich urbanes Phänomen.
Der Ursprung liegt ausgerechnet im Verschwinden des Ländlichen. Mit der Landflucht verschwanden viele kleine Höfe – und mit ihnen die traditionelle Hühnerhaltung. Zurück blieben Tiere, die erstaunlich anpassungsfähig sind und kaum natürliche Feinde haben. So begann eine stille Ausbreitung, die heute laut Fachleuten bereits 90 Prozent der Gemeinden auf den Balearen betrifft.
Gefahr auf dem Asphalt
„Sie sind zu einem echten Problem geworden“, sagt Mariano Mas, Züchter aus Santa Eugènia. Das klingt zunächst nach Nachbarschaftsärger, meint aber mehr. Verwilderte Hühner können das Vogelgrippevirus verbreiten, weil sie leicht mit Hausgeflügel in Kontakt kommen. Sie sind nicht registriert, nicht kontrolliert – und bewegen sich frei zwischen Hinterhof und Feld.
Hinzu kommt die Verkehrssicherheit. Kolonien siedeln sich bevorzugt dort an, wo sie Ruhe finden: auf Kreisverkehren, Parkplätzen oder in Gewerbegebieten. Von dort aus wagen sie sich auf Fahrbahnen. Es gab bereits Unfälle, die Gemeinden zum Eingreifen zwangen. Antoni Mas, Präsident der Stiftung Natura Park, die das Auffangprogramm für verwildete Haustiere verwaltet, bestätigt: Kommunen lassen Tiere einfangen, weil die Situation sonst aus dem Ruder läuft.
Krähen statt Weckerklingeln
Die Konflikte sind nicht nur logistischer Natur, sondern akustischer. Hähne halten sich nicht an Nachtruheverordnungen. „Oft werden wir gerufen, weil sie im Morgengrauen krähen und Nachbarn stören“, sagt Antoni Mas. Die Hühner schlafen übrigens gern in mehr als acht Metern Höhe in Bäumen – eine Fähigkeit, die man ihnen im klassischen Stall nicht zutrauen würde.
Interessant ist auch, wer sie nicht jagt. Marder meiden stadtnahes Gebiet, Hunde dürfen nicht frei laufen. Und Katzen? Die zeigen Desinteresse. Dort, wo etablierte Katzenkolonien gefüttert werden, wachsen parallel Hühnerkolonien. Sie bedienen sich am gleichen Futterangebot. Gut versorgte Katzen sehen offenbar keinen Anlass zur Jagd – Koexistenz statt Nahrungskette.
Biologisch betrachtet passiert Erstaunliches. Die Tiere werden kleiner, schlanker, flugfreudiger. Sie nähern sich optisch ihrem Vorfahren an, dem asiatischen Wildhahn (Gallus gallus). Eine plumpe Legehenne hätte ohne menschliche Fürsorge schlechte Karten; ein flinkes, baumschlafendes Huhn dagegen kommt erstaunlich gut zurecht. Evolution im Zeitraffer, ausgelöst durch die Abwesenheit des Menschen.
Und sie vermehren sich effizient. Bei mildem Klima und ausreichendem Futter brüten Hennen fast das ganze Jahr, besonders intensiv im Frühling. Zwei bis drei Wochen nach Brutbeginn werden Eier gelegt, nach 21 Tagen schlüpfen Küken. Kein Wunder also, dass man sie inzwischen an der Autobahn zwischen Palma und Inca auf Höhe von Marratxinet sieht, nahe dem Parkplatz von Alcampo, im Gewerbegebiet von Marratxí, in Parks von Santa Ponça – und sogar im Zentrum von Manacor, wo auf einem brachliegenden Grundstück mehr als 300 Tiere gezählt wurden. Mallorca hat viele Herausforderungen. Verwilderte Hühner standen bislang nicht ganz oben auf der Liste.