Vor zweieinhalb Jahren war die Luxus-Disko “Lío” an der Hafenpromenade von Palma de Mallorca feierlich eröffnet worden – jetzt stellt die Lío-Gruppe die Zukunft des Lokals in Frage. Nach Informationen aus dem Umfeld des Projekts hat das Unternehmen ein kollektives Entlassungsverfahren (ERE) eingeleitet und die Familie Fluxà, Eigentümerin des Gebäudes, über die Situation informiert. In der Konzernleitung werden als wichtigste Belastungsfaktoren die fast dreijährige Sanierung des Paseo Marítimo, der Mangel an Parkplätzen in der Umgebung und vor allem die schwierige Wirtschaftlichkeit eines hochpreisigen Konzepts genannt, das eine lange Saison benötigt, um rentabel zu sein.
Intern ist die Einschätzung eindeutig: Das Lío-Format, das sich vor allem an ein internationales, kaufkräftiges Publikum richtet, muss mindestens sieben Monate im Jahr geöffnet sein, um profitabel zu arbeiten. Und genau das sei in Palma de Mallorca schwierig – nicht wegen mangelnder Nachfrage, sondern aufgrund der ausgeprägten Saisonalität und eines lokalen Marktes, der zwar mitzieht, allein jedoch nicht ausreicht, um ein Konzept zu tragen, das von hoher Auslastung, hohem Durchschnittsbon und dem „Alles-in-einem“-Erlebnis aus Gastronomie, Show und Club lebt.
Lío Mallorca trat mit einer klaren Ambition in den Markt ein: eine Ikone des Nachtlebens von Palma de Mallorca wiederzubeleben – die einstige Diskothek Tito’s – und sie zu einer Premium-Erlebniswelt aufzuwerten. Der Club bezog das legendäre Gebäude, in dem jahrzehntelang Tito’s beheimatet war, und brachte das Markenzeichen der Gruppe nach Palma: Restaurant, Kabarett und Diskothek in einem durchgehenden Erlebnis. Geführt wurde die Niederlassung auf der Insel von einer Deutschen, die vor einiger Zeit ausführlich mit MM über ihre Arbeit in der Luxus-Disko gesprochen hatte. Ein ausgedehntes Dinner, eine Live-Show mit Sängern, Tänzern und Akrobaten – und schließlich der Wandel vom Speisesaal zum Nachtclub mit DJs und Platz für über 700 Gäste.
Glamour, Luxus und vieles mehr
Vorangetrieben wurde dieses Projekt von Konzernpräsident Julio Bruno mit dem Ziel, Palma auf die Landkarte der großen internationalen Nightlife-Formate zu setzen, wie sie Lío bereits in Ibiza, London und Mykonos etabliert hat. Das Konzept war verlockend: eine privilegierte Lage mit Blick auf die Bucht, ein auf Glamour ausgerichtetes Design und eine „mutige“ mediterrane Küche im Stil der gehobenen Autorenküche. Verpackt in eine eigene Markenwelt aus „Luxus, Provokation und Spektakel“, mit bekannten Namen wie Joan Gràcia als künstlerischem Leiter und Andreu Genestra am Herd.
In den vergangenen zweieinhalb Jahren war der Betrieb saisonal organisiert, mit thematischen Shows als Herzstück. 2025 präsentierte Lío etwa „Zurück in die Zukunft“, ein Kabarett als Zeitreise zwischen Epochen: Vintage-Flair, futuristische Akzente, musikalische Mash-ups und ein Ensemble, das Abend für Abend überraschen sollte. Die offizielle Abschiedsbotschaft zum Saisonende, die der Club selbst auf seiner Website veröffentlicht hat, spricht von einem gesenkten Vorhang, leeren Tischen und einer Tanzfläche, die „ihre letzten Schritte“ macht – verbunden mit dem Versprechen, „mit neuen Überraschungen“ und demselben provokanten Geist zurückzukehren.
Parallel zur Show blieb der Clubbetrieb die zweite große Säule des Geschäfts: Wochenenden mit DJ-Sessions und ein Programm, das den Pulsschlag der Insel auch nach dem Dinner aufrechterhalten sollte. Von Anfang an war klar: Die Diskothek Lío Mallorca sollte weder nur ein Restaurant mit Show noch eine Diskothek mit Küche sein, sondern ein ganzheitliches Ziel – zuerst Tisch, dann Bühne, dann Tanzfläche.
Eine privilegierte Lage
Die Marke hat stets den Wert ihrer Standorte betont: Häuser mit „Seele“, ausgewählt wegen ihrer Atmosphäre und ihres ikonischen Charakters. Während London – derzeit mit „pausierten Reservierungen“ nach drei Saisons – auf einen historischen Club im Zentrum setzt und Mykonos mit einem Küstengarten punktet, spielte Mallorca die Karte eines Gebäudes mit Geschichte und einer privilegierten Terrasse, mit Palma als internationalem Schaufenster.
Doch die operative Realität hat Zweifel aufkommen lassen. In der Gruppe räumt man ein, dass die Sanierung des Paseo Marítimo und die schwierige Erreichbarkeit den Projektverlauf belastet haben. Hinzu kommt eine strategische Neuausrichtung: Lío blickt auch nach außen. Investitionen in Märkte wie Las Vegas und Dubai stehen im Raum – Destinationen, in denen das Format aufgrund von Kundentyp, Saisonkalender und Größenordnung reibungsloser funktionieren könnte. Zudem wird in Ibiza, dem Flaggschiff der Marke, ein Standortwechsel und ein Großprojekt erwogen, das volle Aufmerksamkeit und Ressourcen erfordert.
Vor diesem Hintergrund tritt Lío Mallorca in eine Phase der Überprüfung ein. Über die unternehmerische Entscheidung hinaus stellen sich im Umfeld des Projekts grundsätzliche Fragen zum Nachtleben in Palma: Wie lang ist die tatsächliche Saison? Welche Rolle spielt der lokale Gast? Und wie groß ist die Fähigkeit der Stadt, Konzepte zu tragen, die für den Premiumtourismus konzipiert sind?
Vorerst schließt die Gruppe nichts aus. Doch dass diese Neubewertung so früh erfolgt und mit einem Entlassungsverfahren einhergeht, zeigt, dass das Projekt im ehemaligen Tito’s schneller gelebt hat, als es die Feiermeile Paseo Marítimo in Palma de Mallorca offenbar zulässt.